Loveparade-Drama

Demonstranten fordern Sauerlands Rücktritt

Duisburger Bürger haben vor dem Rathaus gegen Oberbürgermeister Adolf Sauerland demonstriert. Der CDU-Mann wird von ihnen als Mitschuldiger betrachtet, weist selbst aber jede Schuld von sich.

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Demonstranten haben vor dem Duisburger Rathaus lautstark den Rücktritt von Bürgermeister Adolf Sauerland gefordert.
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Nach dem Unglück mit 20 Toten bei der Duisburger Loveparade wurde von Behörden Einzelheiten zum Hergang genannt. Anscheinend sind kurz nach 17.00 Uhr an einem Tunnelaufgang am Veranstaltungsgelände Menschen über Absperrungen geklettert...
Das Unglück am Rande der Loveparade ereignete sich entlang eines breiten Tunnels, durch den die Teilnehmer auf das Gelände gelangten. Der Zugang zur Event-Area erfolgte ausschließlich über die offiziellen Eingänge an der Karl-Lehr- Straße.
Das Verkehrskonzept der Stadt sah vor, die Raver vom nördlich gelegenen Hauptbahnhof Duisburg in zwei Strömen - einer westlich, der zweite östlich - zum weiter südlich gelegenen Partygelände gehen zu lassen.
Bei dem Unglück sind nach Polizeiangaben zwölf weibliche und acht männliche Teilnehmer des Raves getötet worden. Mehrere Verletzte wurden reanimiert.
Die späteren Opfer sind offenbar an der Tunnelwand hochgeklettert und dann abgestürzt.
An der Loveparade auf dem Gelände um den alten Duisburger Güterbahnhof hatten nach Angaben der Organisatoren über den gesamten Tag verteilt 1,4 Millionen Menschen teilgenommmen.
Der städtische Krisenstab entschied nach dem Unglück, die Loveparade nicht sofort zu beenden. Man habe gewollt, "dass diese Veranstaltung in Ruhe ausklingt" und keine Panik entsteht.
Kurz vor dem Unglück hatte die Polizei den zentralen Zugang zu dem überfüllten Gelände gesperrt und Teilnehmer aufgefordert, zum Bahnhof Duisburg zurückzugehen.
Die Beamten baten die Teilnehmer, zurück in Richtung Hauptbahnhof zu gehen. Damit mussten viele Menschen zurück in Richtung Tunnel. Fernsehbilder zeigen, dass die Teilnehmer dicht an dicht gedrängt durch die Unterführung laufen mussten.
Im Kurznachrichtendienst "Twitter" war mit Blick auf den Tunnel schon vor der Veranstaltung von einer "Falle" die Rede.
Zwischen den Brücken über die Straßen gibt es einige Lücken - womöglich brach die Panik aus, als Menschen versuchten, über eine geöffnete Treppe in diesem Bereich zu entkommen.
Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) erklärte in Berlin, er sei "erschüttert und tief bestürzt". "Mein Mitgefühl gilt den Angehörigen der Opfer. Wo die Kräfte des Bundes helfen können, helfen sie."
Video: Loveparade-Tragödie - Im Studio: Dr. Peter Neu, Psychiater
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250 wütende Duisburger vor dem Rathaus brüllen "Sauerland raus" und "Sauerland weg" - so laut, dass ihnen fast die Luft wegbleibt. Knapp eine Woche nach dem Loveparade-Desaster steht für viele der Schuldige fest. Kaum verhohlene Rücktrittsforderungen kommen sogar von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD). Doch Sauerland schiebt in Zeitungsinterviews die Verantwortung an die Fachleute seiner Verwaltung weiter. So unbeliebt ist er in der eigenen Stadt geworden, dass er sich nicht mal zur Trauerfeier am Samstag traut - aber im Amt bleiben will er trotzdem.

Bei der Demonstration am Donnerstagmorgen schiebt ein Duisburger einen Holzgalgen vor sich her. Daran hängt eine Puppe mit Sauerlands Gesicht und einem Foto des Loveparade-Veranstalters Rainer Schaller in der Hand. "Wäre die Loveparade gelungen, würde Sauerland gerne die Verantwortung übernehmen", brüllt einer durch das Megafon. Mit jedem Redebeitrag werden die Menschen wütender. Auch die Polizei wird kritisiert: "Sie haben mich davon abgehalten, zu helfen", ruft ein Duisburger. Demonstrations-Organisator Markus Schröder kann die Menge erst beruhigen, als er um eine Schweigeminute für die Opfer bittet.

Schaller: Veranstalter ist schuld

Oberbürgermeister Adolf Sauerland bleibt auch an diesem Donnerstag abgetaucht. Statt in der Öffentlichkeit hat er in zwei am Donnerstag erschienenen Zeitungsinterviews seine Sicht der Dinge dargestellt: Alle Fachleute seiner Verwaltung hätten dem Sicherheitskonzept zugestimmt. Wenn es Fehler gab, seien das Fehler der ganzen Verwaltung. Und die Verantwortung der Stadt habe nach dem Konzept noch vor dem Tunnel zum Loveparadegelände geendet. Alles andere liege in der Hand des Veranstalters.

Das Wegducken und das Weiterschieben der Schuld seit dem Katastrophen-Wochenende geht also weiter. Sauerland sieht den Schwarzen Peter also bei Loveparade-Veranstalter Schaller. Der hatte Anfang der Woche vor allem die Polizei kritisiert. Die Retourkutsche kam am Mittwoch von Innenminister Ralf Jäger (SPD) als oberstem Dienstherrn der Polizei. Er warf dem Veranstalter vor, zu wenig Ordner eingesetzt zu haben. Schaller und Jäger kritisieren beide auch die Stadt: Sie habe alles abgenickt und übernehme jetzt keine Verantwortung.

Millionenschwere Klagen drohen

Alle Beteiligten reden nur noch in Interviews oder Pressekonferenzen - öffentlich an einem Tisch sind sie nicht mehr zu sehen. Und bei allen Statements meint man den Einfluss der Rechtsanwälte zu spüren, die die Kombattanten längst beraten. Strafverfahren und millionenschwere Zivilklagen sind bei dem katastrophalen Scheitern der Veranstaltung sehr wahrscheinlich. Die Versicherungssumme der Loveparade von 7,5 Millionen Euro dürfte bei 21 Toten und hunderten Verletzten schnell überschritten sein.

Vor diesem Hintergrund ist ein befreiendes Schuldbekenntnis noch vor der Trauerfeier in der Duisburger Salvatorkirche am Samstag sehr unwahrscheinlich. Die Veranstaltung wird in 20 weitere Stadtkirchen und das MSV-Stadion mit 25.000 Plätze übertragen. Neue Demonstrationen gegen die Verantwortlichen des Desasters sind nicht auszuschließen, ein erneuter Großeinsatz von Polizei und Ordnern ist vorprogrammiert. "Die Trauerfeier ist für die Leute und nicht für den Bundespräsidenten. Hoffentlich stehen wir am Samstag nicht wieder eingequetscht hinter Absperrgittern", ruft am Donnerstag vor dem Rathaus ein Demonstrant.

(dpa, N24)

29.07.2010 16:35 Uhr

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