Trauer am falschen Grab
Skandal auf US-Nationalfriedhof Arlington
Chaos auf dem US-Soldatenfriedhof Arlington: Über Jahre sind offenbar tausende Gräber falsch zugeordnet worden. Angehörige trauerten am falschen Platz um ihre im Krieg gefallenen Lieben.
Der Skandal um vertauschte Gräber auf dem US-Nationalfriedhof Arlington (US-Staat Virginia) ist möglicherweise weit umfangreicher als vermutet. In bis zu 6600 Fällen könnten dort nach Angaben von Senatorin Claire McCaskill Ruhestätten falsch zugeordnet worden sein. Der US-Veteranenverband American Legion sprach von "skrupellosem" Verhalten. Mitte Juni war noch davon die Rede gewesen, dass etwas mehr als 200 Mal Gedenksteine an der falschen Stelle platziert oder Särge versetzt wurden, ohne dass es Aufzeichnungen darüber gibt. Damals hieß es, die Friedhofverwaltung habe den Überblick verloren, weil sie noch immer mit einem antiquierten Karteikarten-Register arbeite.
Bislang wurden nur drei der insgesamt 70 Abschnitte des gewaltigen Friedhofs mit rund 330.000 Gräbern in unmittelbarer Nachbarschaft der Hauptstadt Washington auf Missstände untersucht, berichtet die Zeitung "Washington Times". Senatorin McCaskill machte "schlechte Dokumentation, Probleme mit Vertragsfirmen und mangelnde Aufsicht der Militärbehörden" für den Skandal verantwortlich. "Dies ist ein Schlag ins Gesicht aller, die in den US-Streitkräften dienen oder gedient haben", sagte der Sprecher der American Legion, Craig Roberts. "Die American Legion ist entsetzt über den Mangel an Aufsicht und über das offensichtliche Missmanagement."
26 Beerdigungen pro Tag
Die Zustände kamen bei internen Untersuchungen der Armee zutage. Darunter: Ein Sarg, den Friedhofsgärtner 2003 beim Ausheben eines Loches gefunden hatten, konnte bis heute nicht zugeordnet werden. Vor zwei Jahren sei sogar ein Luftwaffen-Soldat in einem Grab beigesetzt worden, das schon besetzt gewesen sei, berichteten US-Medien. "Dafür gibt es einfach keine Entschuldigung", kritisierte im Juni Heeresminister John McHugh. Er kündigte damals weitere Untersuchungen an, auch mittels DNA-Analysen von sterblichen Überresten. Friedhofschef John Metzler wurde nach 19 Jahren Dienstzeit suspendiert - kurz vor seinem geplanten Ruhestand.
"Sie wussten bescheid und haben nichts unternommen", warf Senatorin McCaskill, Vorsitzende des zuständigen Ausschusses des Kongresskammer, Metzler bei einer Anhörung am Donnerstag vor. Die veraltete Verwaltung sei für die Größe des Friedhofs nicht mehr angemessen gewesen, sagte McHugh. Metzler habe versäumt, das System zu modernisieren. Durchschnittlich finden in Arlington 26 Beerdigungen pro Tag statt, meist mit Soldaten als Sargträgern und Ehren-Salut. Seit der Eröffnung im Jahr 1864 wurden auf dem weitläufigen Gräberfeld neben Soldaten auch Minister, Astronauten, Schauspieler und viele andere Prominente beigesetzt. Jährlich besuchen vier Millionen Touristen den Friedhof.
(dpa, N24)
30.07.2010 18:52 Uhr








