Trauerfeier für 21 Tote
Neue Vorwürfe gegen Polizei und Security
Bewegender Abschied von den 21 Toten der Loveparade-Massenpanik. Und weiterhin stellt sich die Frage nach dem "Warum?". Neue Dokumente belegen eine Unachtsamkeit seitens der Polizei und der Security.
Bei der verhängnisvollen Loveparade in Duisburg am 24. Juli sollen nur 150.000 Menschen auf dem Gelände des alten Güterbahnhofs gewesen sein. Das berichtet das Nachrichtenmagazin "Focus". Anhand von Luftaufnahmen gehe die Polizei intern von dieser Zahl aus, heißt es in einer Vorabmeldung von Samstag.
Einige Stunden vor der Massenpanik, bei der 21 Menschen zu Tode kamen, hatte der Loveparade-Organisator Rainer Schaller zum Besucherandrang gesagt: "Da passen 1,6 Millionen Menschen drauf, die Zahl werden wir heute nicht erreichen, höchstens 1,4 Millionen." Die amtliche Genehmigung für den Veranstalter, die Berliner Lopavent GmbH, galt nach Informationen des "Spiegel" für maximal 250.000 Menschen.
Warum reagierte Polizei nicht?
Der "Focus" berichtet weiterhin, die Ermittler überprüften unter anderem die Frage, warum der Polizeiführer nicht bereits nach dem ersten Hilferuf des Veranstalters gegen 15.30 Uhr zur Gefahrenabwehr das Kommando auf dem Gelände übernommen habe. "Auf diese Weise hätte man womöglich frühzeitig die Eingangschleusen schließen und eine Massenpanik im Tunnel vor der Rampe zum Festgelände verhindern können", heißt es in dem Bericht.
Der "Spiegel" berichtete, der vom Veranstalter eingesetzte Crowd-Manager, der aus dem Container an der Hauptrampe den Publikumszugang steuern sollte, habe nach eigenen Angaben bereits vor 15.00 Uhr Hilfe bei der Polizei angefordert. Entgegen seinem Wunsch sei der Verbindungsbeamte neben ihm im Container aber nicht weisungsbefugt gewesen.
Außerdem habe der Polizist kein Funkgerät gehabt. Dies habe dazu geführt, dass erst mit 30-minütiger Verzögerung ein leitender Beamter eingetroffen sei. Aus Polizeikreisen hieß es laut "Spiegel", möglicherweise habe es eine solche Verspätung gegeben. Sie sei aber nicht ins Gewicht gefallen.
Videos ausgewertet
Beschlagnahmte Überwachungsvideos weisen laut "Spiegel" darauf hin, dass der Ansturm auf die Treppe, an der viele Opfer starben, auch durch die Unachtsamkeit von Security-Mitarbeitern ausgelöst wurde. Ein Ordner sei zunächst nicht eingeschritten, als um 16.16 Uhr ein Mann einen Schutzzaun überstiegen habe und über die Treppe nach oben gelaufen sei. Diese Aktion habe eine Kettenreaktion ausgelöst, so dass Hunderte Eingeschlossene zu der Treppe gedrängt seien.
"Der Tod hat uns sein schreckliches Gesicht gezeigt"
21 Kerzen für 21 Opfer und noch immer die Frage nach den Schuldigen: In einer bewegenden Trauerfeier haben Hinterbliebene, Rettungskräfte und Politiker für die Toten der Loveparade gebetet. "Die Loveparade wurde zum Totentanz", sagte der amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Nikolaus Schneider, bei der Gedenkfeier in der Duisburger Salvatorkirche.
"Mitten hinein in ein Fest überbordender Lebensfreude hat der Tod uns allen sein schreckliches Gesicht gezeigt. Bundespräsident Christian Wulff, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) waren unter den Gästen.
Kraft ringt um Fassung
Nur eine einzige Vertreterin der Politik ergriff das Wort. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) versprach am Samstag Aufklärung: "Wie konnte dies geschehen? Wer trägt die Schuld? Wer ist verantwortlich? Diese Fragen müssen und werden eine Antwort finden." Angesichts der Todesumstände der Opfer sei es schwer, Worte zu finden. "Uns alle lässt das Geschehene nicht los. Es macht uns betroffen, hilflos und manche auch wütend."
Mehr als 500 Menschen versammelten sich in der Kirche. Der umstrittene Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) nahm nicht teil, um die aufgebrachten Bürger nicht durch seine Anwesenheit zu provozieren. Auch Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller kam nicht.
21 Kerzen für 21 Tote
Kraft sagte den Hinterbliebenen unbürokratische Hilfe zu. "Aber wir wissen auch, wir können Ihren Schmerz nicht ermessen und nicht lindern." Viele Zeugen der Katastrophe seien traumatisiert "angesichts der Bilder, die sie für immer in sich tragen", sagte sie. "Ich kann nachempfinden, was Eltern, Großeltern, Geschwister und Freunde durchlitten haben, die stundenlang auf ein Lebenszeichen warten mussten." Auch ihr Sohn hatte am Katastrophentag die Loveparade besucht. Kraft rang häufig um Fassung, am Ende wurde ihre Stimme brüchig.
Zu Beginn der Trauerfeier wurden eine Kerze und ein Kondolenzbuch von dem nahe gelegenen Unglücksort an einem Tunnel zum Altar gebracht. Rettungskräfte, Notfallseelsorger und andere Einsatzkräfte zündeten die 21 Kerzen an.
Kirche übt Kritik an Veranstaltern
Der rheinische Präses Schneider sprach von "Trauer und Verzweiflung, Hilflosigkeit und Wut", die das Denken der Menschen beherrschten. Er erwähnte in seiner Predigt auch "Erwachsene, die wie versteinert Verantwortung von sich weg schieben." Schneider weiter: "Wir können unsere Verstorbenen nicht mehr körperlich spüren. Wir können nicht mehr gemeinsam mit ihnen lachen und weinen, streiten und uns versöhnen. Aber wir tragen sie in unseren Herzen und in unseren Gedanken."
Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck sprach von einem Leid, das lange währen wird. "So gegensätzlich ist unser Leben: In dem einen Moment ist Party angesagt und im anderen Moment liegen wir hilflos am Boden", fuhr er fort. "Es bleibt schwer, mit dem zu leben, was geschehen ist. Und doch bleibt etwas und geht weiter, was auch der Name der "Loveparade" zum Ausdruck bringt: Love heißt Liebe." Die Liebe sei stärker als der Tod und helfe durch die Schrecken dieser Tage.
Der ökumenische Gottesdienst wurde auch in weiteren Kirchen der Stadt übertragen. Die Öffentlichkeit konnte die Feier auch im Stadion des MSV Duisburg verfolgen. Jedoch herrschte nur geringer Andrang an den Übertragungsorten.
Wenige Teilnehmer beim Trauermarsch
Wie zur Übertragung der Andacht im Stadion kamen auch zu dem Trauerzug, der am Nachmittag vom Duisburger Hauptbahnhof zum Unglücksort der Loveparade führte, deutlich weniger Menschen als erwartet. Der Veranstalter hatte mit rund 15.000 Teilnehmern gerechnet, es erschienen nach offiziellen Angaben aber nur etwa 2.500 Menschen. Der Zug setzte sich mit gut einstündiger Verspätung in Bewegung, die Teilnehmer legten an der Unglückstelle Blumen nieder und ließen 21 schwarze Luftballons in den Himmel steigen.
Dies sei aber kein Zeichen nachlassender Anteilnahme am Schicksal der Verstorbenen, sagte der Medienpsychologe Jo Groebel. "Bei der Loveparade gab es eine Massenpanik. Sich eine Woche später wieder auf eine Massenveranstaltung zu begeben, mag bei vielen Leute Beklemmungen hervorgerufen haben."
Abwahl Sauerlands beantragt
Wegen der Genehmigung der Loveparade trotz Warnungen vor Sicherheitsmängeln wächst die Kritik am Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU). Er will der Trauerfeier fernbleiben. Am Freitag forderte ihn auch der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU), zum Rücktritt auf. Sauerland jedoch weicht nicht. Er wies Berichte, er stehe kurz vor dem Rücktritt, zurück. "Das können Sie in die Tonne kloppen", sagte der OB laut dem Online-Portal "Der Westen". Zuvor hatte er seine Weigerung damit begründet, dass ein Rücktritt ein Schuldeingeständnis wäre.
Der CDU-Bundespolitiker Bosbach sagte im ZDF, der Oberbürgermeister trage die politische Verantwortung und hafte damit auch politisch für mögliche Fehler seiner Mitarbeiter. Im Stadtrat wird inzwischen offen Sauerlands Abwahl betrieben. So hat die Linkspartei nach Informationen der "Rheinischen Post" für die nächste Ratssitzung im Oktober einen entsprechenden Antrag gestellt. FDP-Fraktionschef Wilhelm Bies sagte der Zeitung: "Wir werden die Abwahl unterstützen."
Stadt muss womöglich zahlen
Der SPD-Bundestagsabgeordnete Dieter Wiefelspütz forderte eine gesetzliche Versicherungspflicht für Veranstalter. "Man muss sicherstellen, dass eine Versicherung vorliegt", sagte er der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". Die Versicherung über 7,5 Millionen Euro, die der Veranstalter der Duisburger Loveparade abgeschlossen habe, werde angesichts der vielen Opfer nicht ausreichen. Der Rechtsanwalt Gerhart Baum geht davon aus, dass letztlich die Stadt Duisburg in Haftung genommen wird. Den Angehörigen der Opfer empfahl er im Bayerischen Rundfunk, ihre Ansprüche gemeinsam durchzusetzen.
(AP, dpa, N24)
31.07.2010 21:51 Uhr





