Trauerfeier für 21 Tote

Neue Vorwürfe gegen Polizei und Security

Bewegender Abschied von den 21 Toten der Loveparade-Massenpanik. Und weiterhin stellt sich die Frage nach dem "Warum?". Neue Dokumente belegen eine Unachtsamkeit seitens der Polizei und der Security.

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An dem Trauerzug durch Duisburg nehmen derzeit nur rund 650 Menschen teil. Gerechnet wurde mit etwa 15.000 Menschen.
Ministerpräsident Hannelore Kraft sagte schnelle und unbürokratische Hilfe zu.
Auch Bundespräsident Wullf und Bundeskanzlerin Merkel hinterlegten Kränze.
Die Trauerfeier wird auch im Duisburger Stadion übertragen.
Der Unglücksort in Duisburg ist zur Pilgerstätte für Tausende Menschen geworden. Viele zünden Kerzen an oder legen Blumen nieder.
Video: Trauerfeier - Abschied von den Toten der Loveparade
Video: "Wer ist verantwortlich?" - Hannelore Kraft verspricht Aufklärung
Video: Der Versuch rauszukommen - Augenzeugen berichten von der Loveparade
Video: Exklusiv im N24-Interview - Duisburgs OB Adolf Sauerland
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Nach dem Unglück mit 20 Toten bei der Duisburger Loveparade wurde von Behörden Einzelheiten zum Hergang genannt. Anscheinend sind kurz nach 17.00 Uhr an einem Tunnelaufgang am Veranstaltungsgelände Menschen über Absperrungen geklettert...
Das Unglück am Rande der Loveparade ereignete sich entlang eines breiten Tunnels, durch den die Teilnehmer auf das Gelände gelangten. Der Zugang zur Event-Area erfolgte ausschließlich über die offiziellen Eingänge an der Karl-Lehr- Straße.
Das Verkehrskonzept der Stadt sah vor, die Raver vom nördlich gelegenen Hauptbahnhof Duisburg in zwei Strömen - einer westlich, der zweite östlich - zum weiter südlich gelegenen Partygelände gehen zu lassen.
Bei dem Unglück sind nach Polizeiangaben zwölf weibliche und acht männliche Teilnehmer des Raves getötet worden. Mehrere Verletzte wurden reanimiert.
Die späteren Opfer sind offenbar an der Tunnelwand hochgeklettert und dann abgestürzt.
An der Loveparade auf dem Gelände um den alten Duisburger Güterbahnhof hatten nach Angaben der Organisatoren über den gesamten Tag verteilt 1,4 Millionen Menschen teilgenommmen.
Der städtische Krisenstab entschied nach dem Unglück, die Loveparade nicht sofort zu beenden. Man habe gewollt, "dass diese Veranstaltung in Ruhe ausklingt" und keine Panik entsteht.
Kurz vor dem Unglück hatte die Polizei den zentralen Zugang zu dem überfüllten Gelände gesperrt und Teilnehmer aufgefordert, zum Bahnhof Duisburg zurückzugehen.
Die Beamten baten die Teilnehmer, zurück in Richtung Hauptbahnhof zu gehen. Damit mussten viele Menschen zurück in Richtung Tunnel. Fernsehbilder zeigen, dass die Teilnehmer dicht an dicht gedrängt durch die Unterführung laufen mussten.
Im Kurznachrichtendienst "Twitter" war mit Blick auf den Tunnel schon vor der Veranstaltung von einer "Falle" die Rede.
Zwischen den Brücken über die Straßen gibt es einige Lücken - womöglich brach die Panik aus, als Menschen versuchten, über eine geöffnete Treppe in diesem Bereich zu entkommen.
Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) erklärte in Berlin, er sei "erschüttert und tief bestürzt". "Mein Mitgefühl gilt den Angehörigen der Opfer. Wo die Kräfte des Bundes helfen können, helfen sie."
Video: Loveparade-Schuldfrage - Bosbach legt Sauerland Rücktritt nahe
Video: Loveparade-Tragödie - Stimmen der Bürger
Video: Loveparade-Drama - Demonstranten fordern Sauerlands Rücktritt
Video: Chronologie - Ablauf des Loveparade-Dramas mit Grafiken
Video: Loveparade-Trauerfeier - Jens Reupert berichtet aus Duisburg
Video: Loveparade-Tragödie - Das Trauma nach der Tragödie

Bei der verhängnisvollen Loveparade in Duisburg am 24. Juli sollen nur 150.000 Menschen auf dem Gelände des alten Güterbahnhofs gewesen sein. Das berichtet das Nachrichtenmagazin "Focus". Anhand von Luftaufnahmen gehe die Polizei intern von dieser Zahl aus, heißt es in einer Vorabmeldung von Samstag.

Einige Stunden vor der Massenpanik, bei der 21 Menschen zu Tode kamen, hatte der Loveparade-Organisator Rainer Schaller zum Besucherandrang gesagt: "Da passen 1,6 Millionen Menschen drauf, die Zahl werden wir heute nicht erreichen, höchstens 1,4 Millionen." Die amtliche Genehmigung für den Veranstalter, die Berliner Lopavent GmbH, galt nach Informationen des "Spiegel" für maximal 250.000 Menschen.

Warum reagierte Polizei nicht?

Der "Focus" berichtet weiterhin, die Ermittler überprüften unter anderem die Frage, warum der Polizeiführer nicht bereits nach dem ersten Hilferuf des Veranstalters gegen 15.30 Uhr zur Gefahrenabwehr das Kommando auf dem Gelände übernommen habe. "Auf diese Weise hätte man womöglich frühzeitig die Eingangschleusen schließen und eine Massenpanik im Tunnel vor der Rampe zum Festgelände verhindern können", heißt es in dem Bericht.

Der "Spiegel" berichtete, der vom Veranstalter eingesetzte Crowd-Manager, der aus dem Container an der Hauptrampe den Publikumszugang steuern sollte, habe nach eigenen Angaben bereits vor 15.00 Uhr Hilfe bei der Polizei angefordert. Entgegen seinem Wunsch sei der Verbindungsbeamte neben ihm im Container aber nicht weisungsbefugt gewesen.

Außerdem habe der Polizist kein Funkgerät gehabt. Dies habe dazu geführt, dass erst mit 30-minütiger Verzögerung ein leitender Beamter eingetroffen sei. Aus Polizeikreisen hieß es laut "Spiegel", möglicherweise habe es eine solche Verspätung gegeben. Sie sei aber nicht ins Gewicht gefallen.

Videos ausgewertet

Beschlagnahmte Überwachungsvideos weisen laut "Spiegel" darauf hin, dass der Ansturm auf die Treppe, an der viele Opfer starben, auch durch die Unachtsamkeit von Security-Mitarbeitern ausgelöst wurde. Ein Ordner sei zunächst nicht eingeschritten, als um 16.16 Uhr ein Mann einen Schutzzaun überstiegen habe und über die Treppe nach oben gelaufen sei. Diese Aktion habe eine Kettenreaktion ausgelöst, so dass Hunderte Eingeschlossene zu der Treppe gedrängt seien.

"Der Tod hat uns sein schreckliches Gesicht gezeigt"

21 Kerzen für 21 Opfer und noch immer die Frage nach den Schuldigen: In einer bewegenden Trauerfeier haben Hinterbliebene, Rettungskräfte und Politiker für die Toten der Loveparade gebetet. "Die Loveparade wurde zum Totentanz", sagte der amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Nikolaus Schneider, bei der Gedenkfeier in der Duisburger Salvatorkirche.

"Mitten hinein in ein Fest überbordender Lebensfreude hat der Tod uns allen sein schreckliches Gesicht gezeigt. Bundespräsident Christian Wulff, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) waren unter den Gästen.

Kraft ringt um Fassung

Nur eine einzige Vertreterin der Politik ergriff das Wort. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) versprach am Samstag Aufklärung: "Wie konnte dies geschehen? Wer trägt die Schuld? Wer ist verantwortlich? Diese Fragen müssen und werden eine Antwort finden." Angesichts der Todesumstände der Opfer sei es schwer, Worte zu finden. "Uns alle lässt das Geschehene nicht los. Es macht uns betroffen, hilflos und manche auch wütend."

Mehr als 500 Menschen versammelten sich in der Kirche. Der umstrittene Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) nahm nicht teil, um die aufgebrachten Bürger nicht durch seine Anwesenheit zu provozieren. Auch Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller kam nicht.

21 Kerzen für 21 Tote

Kraft sagte den Hinterbliebenen unbürokratische Hilfe zu. "Aber wir wissen auch, wir können Ihren Schmerz nicht ermessen und nicht lindern." Viele Zeugen der Katastrophe seien traumatisiert "angesichts der Bilder, die sie für immer in sich tragen", sagte sie. "Ich kann nachempfinden, was Eltern, Großeltern, Geschwister und Freunde durchlitten haben, die stundenlang auf ein Lebenszeichen warten mussten." Auch ihr Sohn hatte am Katastrophentag die Loveparade besucht. Kraft rang häufig um Fassung, am Ende wurde ihre Stimme brüchig.

Zu Beginn der Trauerfeier wurden eine Kerze und ein Kondolenzbuch von dem nahe gelegenen Unglücksort an einem Tunnel zum Altar gebracht. Rettungskräfte, Notfallseelsorger und andere Einsatzkräfte zündeten die 21 Kerzen an.

Kirche übt Kritik an Veranstaltern

Der rheinische Präses Schneider sprach von "Trauer und Verzweiflung, Hilflosigkeit und Wut", die das Denken der Menschen beherrschten. Er erwähnte in seiner Predigt auch "Erwachsene, die wie versteinert Verantwortung von sich weg schieben." Schneider weiter: "Wir können unsere Verstorbenen nicht mehr körperlich spüren. Wir können nicht mehr gemeinsam mit ihnen lachen und weinen, streiten und uns versöhnen. Aber wir tragen sie in unseren Herzen und in unseren Gedanken."

Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck sprach von einem Leid, das lange währen wird. "So gegensätzlich ist unser Leben: In dem einen Moment ist Party angesagt und im anderen Moment liegen wir hilflos am Boden", fuhr er fort. "Es bleibt schwer, mit dem zu leben, was geschehen ist. Und doch bleibt etwas und geht weiter, was auch der Name der "Loveparade" zum Ausdruck bringt: Love heißt Liebe." Die Liebe sei stärker als der Tod und helfe durch die Schrecken dieser Tage.

Der ökumenische Gottesdienst wurde auch in weiteren Kirchen der Stadt übertragen. Die Öffentlichkeit konnte die Feier auch im Stadion des MSV Duisburg verfolgen. Jedoch herrschte nur geringer Andrang an den Übertragungsorten.

Wenige Teilnehmer beim Trauermarsch

Wie zur Übertragung der Andacht im Stadion kamen auch zu dem Trauerzug, der am Nachmittag vom Duisburger Hauptbahnhof zum Unglücksort der Loveparade führte, deutlich weniger Menschen als erwartet. Der Veranstalter hatte mit rund 15.000 Teilnehmern gerechnet, es erschienen nach offiziellen Angaben aber nur etwa 2.500 Menschen. Der Zug setzte sich mit gut einstündiger Verspätung in Bewegung, die Teilnehmer legten an der Unglückstelle Blumen nieder und ließen 21 schwarze Luftballons in den Himmel steigen.

Dies sei aber kein Zeichen nachlassender Anteilnahme am Schicksal der Verstorbenen, sagte der Medienpsychologe Jo Groebel. "Bei der Loveparade gab es eine Massenpanik. Sich eine Woche später wieder auf eine Massenveranstaltung zu begeben, mag bei vielen Leute Beklemmungen hervorgerufen haben."

Abwahl Sauerlands beantragt

Wegen der Genehmigung der Loveparade trotz Warnungen vor Sicherheitsmängeln wächst die Kritik am Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU). Er will der Trauerfeier fernbleiben. Am Freitag forderte ihn auch der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU), zum Rücktritt auf. Sauerland jedoch weicht nicht. Er wies Berichte, er stehe kurz vor dem Rücktritt, zurück. "Das können Sie in die Tonne kloppen", sagte der OB laut dem Online-Portal "Der Westen". Zuvor hatte er seine Weigerung damit begründet, dass ein Rücktritt ein Schuldeingeständnis wäre.

Der CDU-Bundespolitiker Bosbach sagte im ZDF, der Oberbürgermeister trage die politische Verantwortung und hafte damit auch politisch für mögliche Fehler seiner Mitarbeiter. Im Stadtrat wird inzwischen offen Sauerlands Abwahl betrieben. So hat die Linkspartei nach Informationen der "Rheinischen Post" für die nächste Ratssitzung im Oktober einen entsprechenden Antrag gestellt. FDP-Fraktionschef Wilhelm Bies sagte der Zeitung: "Wir werden die Abwahl unterstützen."

Stadt muss womöglich zahlen

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Dieter Wiefelspütz forderte eine gesetzliche Versicherungspflicht für Veranstalter. "Man muss sicherstellen, dass eine Versicherung vorliegt", sagte er der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". Die Versicherung über 7,5 Millionen Euro, die der Veranstalter der Duisburger Loveparade abgeschlossen habe, werde angesichts der vielen Opfer nicht ausreichen. Der Rechtsanwalt Gerhart Baum geht davon aus, dass letztlich die Stadt Duisburg in Haftung genommen wird. Den Angehörigen der Opfer empfahl er im Bayerischen Rundfunk, ihre Ansprüche gemeinsam durchzusetzen.

(AP, dpa, N24)

31.07.2010 21:51 Uhr

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