Komorowski in Berlin
Polen sucht Anschluss an Europa
Mit der Wahl des neuen Präsidenten wendet sich Polens wieder Europa zu. Komorowski setzt auf eine Wiederbelebung des "Weimarer Dreiecks", des Bündnisses mit Deutschland und Frankreich.
Berlin zum Nachtisch: Zum Abschluss seiner ersten Auslandsreise kommt Polens neuer Präsident Bronislaw Komorowski am Freitag in die deutsche Hauptstadt. Für den 58-jährigen Liberal-Konservativen ist die Visite an der Spree fast ein Heimspiel. Seinen deutschen Gastgeber, Bundespräsident Christian Wulff, kennt er bereits. Beide Staatsoberhäupter hatten sich schon vor Komorowskis Vereidigung im Juli in Warschau getroffen. Mit Bundestagspräsident Norbert Lammert stand Komorowski als polnischer Parlamentschef im ständigen Kontakt. Beeindruckende Bilanz: Mehr als ein Dutzend Begegnungen in den vergangenen drei Jahren.
Anders als sein vor fünf Monaten beim Flugzeugabsturz von Smolensk verstorbener Vorgänger, der Amerika-Fan Lech Kaczynski, setzt Komorowski in seiner Politik vor allem auf Europa. Den Schlüssel zum außenpolitischen Erfolg seines Landes sieht er dabei in enger Zusammenarbeit mit Deutschland und Frankreich. In Brüssel, der ersten Station seiner Reise, sprach sich Polens Präsident am Mittwoch für eine Belebung des "Weimarer Dreiecks" zwischen Berlin, Paris und Warschau aus. Lech Kaczynski hatte dagegen immer wieder vor einer Hegemonie Deutschlands in Europa gewarnt.
Neuanfang einer Partnerschaft
Das Dreieck, eine Plattform der Partnerschaft zwischen Polen, Deutschland und Frankreich, die 1991 gegründet worden war, geriet nach Anfangserfolgen etwas in die Vergessenheit. Komorowski sieht vor allem in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik ein Feld für einen Neuanfang. Bis 2013 sollen drei beteiligte Staaten eine gemeinsame Eingreiftruppe auf die Beine stellen.
Der Osteuropa-Experte der Bertelsmann-Stiftung, Cornelius Ochmann, sieht ein steigendes Interesse in Berlin und Paris für die trilaterale Zusammenarbeit. "Der deutsch-französische Motor ist zu schwach, um Europa zu führen", sagte er. Polen habe das Potenzial, das deutsch-französische Gespann zu stärken. Nicht zuletzt wegen der guten Bewältigung der Wirtschaftskrise gilt Polen als ein attraktiver Partner, so Ochmann.
Aussöhnung mit Deutschland größte Errungenschaft seit "Solidarnosc"
Als Parlamentspräsident hatte Komorowski in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, dass er - anders als Lech Kaczynski - keine Vorbehalte gegenüber Deutschland hat. In seiner Autobiografie bezeichnete er die Aussöhnung mit Deutschland als die größte Errungenschaft der Freiheitsbewegung "Solidarnosc". Wegen seiner Familiengeschichte - die Komorowskis waren aus Litauen vertrieben worden - empfinde er sogar eine gewisse "Schicksalsgemeinschaft" mit den deutschen Vertriebenen, heißt es in dem Buch.
Im Programm der Antrittsvisite durften - zwei Tage nach dem 71. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges - historische Akzente nicht fehlen. Zusammen mit Wulff will Komorowski im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin den polnischen Kriegshelden, General Stefan Grot-Rowecki würdigen. Der Kommandeur der polnischen Untergrundarmee war dort im August 1944 hingerichtet worden. Doch der Schwerpunkt der Gespräche wird bei Zukunftsthemen liegen: Hier ist der deutsch-polnische Jugendaustausch für Komorowski und Wulff besonders wichtig.
Im Berliner Reichstagsgebäude will der polnische Präsident deutsche Bürger auszeichnen, die in der Zeit der kommunistischen Diktatur polnischen Regimekritikern geholfen haben. Seit einem Jahr erinnert ein Stück Danziger Werftmauer an der Nordwand des Parlaments an den Beitrag der "Solidarnosc" zum Zusammenbruch der Diktaturen in Mitteleuropa - und zum Mauerfall in Berlin.
(Jacek Lepiarz, dpa, N24)
03.09.2010 07:05 Uhr









