Vier Leibwächter

Gereizter Sarrazin bleibt hart

Zeitungstitel mit Sarrazin-Porträts, Talkshows und vordere Plätze auf Bestsellerlisten. Der Provokateur genießt Aufmerksamkeit wie nie zuvor. Zugleich gerät Sarrazin immer mehr unter Druck.

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Inhaltlich gibt Sarrazin, dem von der Moderatorin als letztem und später eher selten das Wort erteilt wird, keinen Millimeter nach.
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Thilos Sarrazins Thesen zur Migration haben für Aufregung gesorgt. Hier eine Zusammenstellung von Reaktionen in Politik und Gesellschaft.
Michel Friedmann, ehemaliger Vorsitzender des Zentralrats der Juden: "Sarrazin ist menschenfeindlich und respektlos."
Renate Künast, Grüne-Fraktionsvorsitzende: "Das, was er macht, füllt vielleicht sein privates Portemonnaie, hilft uns aber in Integrationsfragen null weiter."
Bundespräsident Christian Wullf: "Ich glaube, dass jetzt der Vorstand der Deutschen Bundesbank schon einiges tun kann, damit die Diskussion Deutschland nicht schadet - vor allem auch international."
Lothar de Maizière (CDU), Innenminister: "Das, was er gemacht hat, verstößt mindestens gegen den Grundsatz 'Das tut man nicht'."
Hannelore Kraft (SPD), Ministerpräsidentin in NRW: "Sarrazin polemisiert lediglich auf unerträgliche Art, wohl um sein Buch besser verkaufen zu können".
Finanzminister Schäuble (CDU): Sarrazins Äußerungen sind "verantwortungsloser Unsinn", diese "Art der Tabuverletzung" bringt Deutschland nicht weiter.
Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit: "Er ist offensichtlich nicht ausgelastet und freut sich über den Medienrummel, der entstanden ist. Es ist auch ein großes Stück Eitelkeit dabei."
SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles: "Sarrazin ist ein unterbeschäftigter Bundesbanker mit ausgeprägter Profilneurose."
Alexander Dobrindt, Generalsekretär der CSU: "Der Typ hat einen Knall."
Dagmar Enkelmann, Linke-Fraktionsgeschäftsführerin: "Würde ein Neonazi denselben Unsinn (...) verbreiten, wäre er zweifellos ein Fall für die Gerichte - nur bei einem Bunesbankvorstand hat man plötzlich die Samthandschuhe an.
Dieter Graumann, Vizechef des Zentralrats der Juden: "Er hat die rote Linie überschritten."
FDP-Fraktionschefin Birgit Homburger: "Die diskriminierenden Äußerungen von Herrn Sarrazin sind nicht akzeptabel."
Grüne-Vorsitzende Claudia Roth: "Wenn die Bundesbank jetzt nicht mit einem Rauswurf handelt, wäre das nur der Beleg dafür, dass der Rechtspopulismus mit dem Champagnerglas in den oberen Etagen Einzug erhält."
Gesine Lötzsch, Vorsitzende der Partei Die Linke: "Außerem muss untersucht werden, ob Sarrazin seine Privilegien als Bundesbankvorstand dafür missbraucht hat, sein Buch zu verkaufen."
Video: Wulff muss entscheiden - Sarrazin will Anhörung bei Bundespräsident
Video: Sarrazin-Rauswurf - Wulff fragt bei Merkel nach
Video: Thilo Sarrazin - Bundesbank entzieht ihm alle Geschäftsbereiche
Video: Studio Friedman - Spricht Sarrazin dem Volk aus dem Herzen?
Video: Wulff prüft Antrag - Bundesbank will Sarrazin loswerden
Video: Diskussion um Sarrazin - Michel Friedman im Studio
Video: "Sarrazinaden" - Sarrazin beschimpft Friedman nach Interview

Anspannung und Unsicherheit kann Thilo Sarrazin (65) nicht mehr verbergen. Das einstige schwere Stottern kommt hier und da auf dem Podium in Berlin wieder durch. Obwohl er sich in der Debatte am Montagmorgen gelassen geben will, reagiert Sarrazin zwischendurch gereizt und wird lauter.

Vier Leibwächter für Sarrazin

Und nervös ist offenbar auch das Bundeskriminalamt: Vier Leibwächter begleiten Sarrazin bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach der Vorstellung des umstrittenen Buches. Wie gespalten die Gesellschaft von den Sarrazinschen Thesen über angeblich integrationsfeindliche Einwanderer ist, zeigen Reaktionen. Im Saal an der Friedrichstraße, wo auf Einladung des "Behörden Spiegels" Beamte und öffentliche Angestellte tagen, erhält der Bundesbank-Vorstand Zwischenapplaus.

Buhrufe gibt es dagegen für die Linke-Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen, die von einem "strukturellen Rassismus in der Gesellschaft" spricht. Als Sarrazin später über die Straße zu seinem Auto geht, ruft ihm ein junger Mann aus seinem offenen Autofenster halblaut nach: "Sarrazin, Du Nazischwein."

Zustimmung für Sarrazin aus dem Publikum

Inhaltlich gibt Sarrazin, dem von der Moderatorin als letztem und später eher selten das Wort erteilt wird, keinen Millimeter nach. "70 Prozent der Migranten sind bestens integriert in der zweiten Generation. 30 Prozent haben enorme Probleme und das sind die Migranten aus den muslimischen Ländern", sagt er und viele Zuhörer nicken.

Die Zustimmung im Publikum, in dem kein erkennbarer Einwanderer sitzt, wird stärker, als Sarrazin "Fragen, die man an jeder Schule hört", anspricht. "Die Frage ist, weshalb türkische Männer häufiger unverschämt sind zu Lehrerinnen. Und weshalb können türkische Kinder nicht zu Geburtstagen von deutschen Kindern gehen, wenn sie eingeladen sind." Nicken und Klatschen.

Süssmuth fordert "sachliche Auseinandersetzung"

Die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) ist pikiert und fordert eine "sachliche Auseinandersetzung". Die Links-Politikerin Dagdelen kritisiert "soziale Ausgrenzungen" und verlangt Geduld und mehr Förderung. Sarrazin platzt dazwischen: "Der Gastarbeiterstopp war vor 37 Jahren, in der Zeit kann man deutsch lernen." Dagdelen redet weiter, mehrfach tönt es von gegenüber: "Vor 37 Jahren."

Einen der wenigen Lacherfolge erntet der Vorsitzende des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration, Klaus J. Bade. "Die Übergangszeit dauert nun seit 30 Jahren", sagte er über die politischen Fehler der Vergangenheit, in der nie eine tatsächliche Einwanderung akzeptiert worden sei. "Die Rache heißt Sarrazin."

"Ich warte darauf, dass die Ampel grün wird"

Als unerträgliche Belastung empfinden auch viele SPD-Politiker ihren Parteigenossen. Der SPD-Bundesvorstand will nächste Woche das Ausschlussverfahren gegen Sarrazin offiziell einleiten. Die Bundesbank hat bereits die Abberufung ihres umstrittenen Vorstandsmitglieds beantragt. Nach der Berliner Podiumsdiskussion gewinnt der Gescholtene erst vor der Tür seine Ruhe wieder.

Im beigen Trenchcoat, mit geschultertem Rücksack steht Sarrazin umringt von drängelnden Journalisten an der belebten Friedrichstraße. Wie es nun weiter gehe, wird er gefragt. Die Antwort besteht nur noch aus einem Satz: "Ich warte darauf, dass die Ampel grün wird." Dann lässt er sich zum ICE in Richtung Frankfurt, dem Sitz der Bundesbank, bringen.

(Andreas Rabenstein, dpa, N24)

06.09.2010 17:20 Uhr

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