Vor Aserbaidschan-Kick

Löw findet Spiele gegen "Zwerge" lästig

Die DFB-Elf muss in der EM-Qualifikation auch gegen vermeintliche Fußball-"Zwerge" antreten - wie etwa gegen Aserbaidschan. Der Bundestrainer wünscht sich, die Kleinen in Zukunft außen vor zu lassen.

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Au Backe, und jetzt auch noch gegen Aserbaidschan. Hoffen wir bloß, dass die DFB-Elf das Spiel auch so deutlich gestaltet wie es Joachim Löw annimmt.
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Haben Sie ihn erkannt? Genau, der Herr mit dem eleganten Schnauzer ist Jogi Löw. Der Bundestrainer, ...
... geboren am 3.2.1960, war früher nämlich Spieler, für Stuttgart, Eintracht, KSC und den SC Freiburg - wo er bis heute Rekordtorschütze ist.
Obwohl Löw ein anständiger Fußballspieler gewesen ist, gründet sein heutiger Ruhm eher auf seiner sich anschließenden Trainerkarriere. Die beginnt Mitte der 90er beim VfB Stuttgart. 1995 wird der Badener Co-Trainer unter dem glücklosen Rolf Fringer.
Nach einer enttäuschenden Saison übernimmt Jogi und feiert gleich große Erfolge. In seinem ersten Jahr holt der VfB unter Löw den DFB-Pokal. 1998 erreichen die Schwaben das Finale des Europapokals der Pokalsieger. Gemeinsam mit dem ...
... so genannten "Magischen Dreieck" - Giovanne Elber, Krassimir Balakov und Fredi Bobic - ist Jogi Löws Arbeit der Garant für den Erfolg.
Und trotzdem: Joachim Löw hat Feinde im Verein, die den Klub-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder dazu bringen, Löw 1998 zu feuern und durch Winfried Schäfer zu ersetzen.
Den smarten Fußballlehrer mit dem unverkennbaren Dialekt zieht es an den Bosporus. Jogi Löw wird Trainer bei Fenerbahce Istanbul. Meisterschaft verpasst, Aus in der ersten Runde des UEFA-Pokals: Das Engagement währt nur ein Jahr.
Ebenso glücklos Löws Zeit 1999/2000 als Trainer beim Karlsruher SC. Die Badener wollen unbedingt den Aufstieg in die erste Liga schaffen. Doch Jogi kann's nicht richten, das Team gewinnt nur eins von 18 Spielen. Löw muss noch vor Ende der Spielzeit gehen.
Und die Misserfolgsserie reißt nicht ab: Bei Adanaspor in der Türkei überlebt Löw gerade einmal etwas mehr als zwei Monate. Er bleibt zunächst arbeitslos bis ihn endlich der FC Tirol Innsbruck engagiert. Löw führt das Team 2002 zur Meisterschaft.
Doch der Verein meldet Konkurs an, Jogi ist wieder arbeitslos. Nach einem Jahr unterschreibt er bei Austria Wien. Es läuft alles glatt, sein Team ist Tabellenführer. Nach einer Niederlage gegen den Tabellenletzten heißt es aber trotzdem: Koffer packen!
Und dann folgen die Zeiten, aus denen die meisten Jogi kennen. Nach verpatzter EM 2004 - Deutschland schied in der Vorrunde aus - tritt Rudi Völler als Bundestrainer ab und Jürgen Klinsmann übernimmt. Der Schwabe holt sich den Badener Löw an seine Seite.
Mit Oliver Bierhoff im Dreiergespann läutet der DFB damit eine neue, modernere Phase ein. Fitnesstrainer, Psychologen, die berühmten Gummi-Bänder - alle Methoden sind recht, um den deutschen Fußball aus dem spielerischen Mittelalter zu befreien.
Die Rollenverteilung ist dabei von Anfang an klar. Jürgen Klinsmann gibt den Motivator, den Antreiber, den, der den Kopf hinhält.
Und Jogi Löw? Der ist der Mann mit den Zetteln, der Kopf hinter dem deutschen Spiel, ein Taktiker und Planer.
Die beiden feiern Erfolge. Bei der WM 2006 erreicht die deutsche Mannschaft das Halbfinale, belegt am Ende Platz 3.
Eine Welle der Fußballeuphorie schwappt durch das Land. Das Führungsteam (links noch Torwarttrainer Andreas Köpke) erzielt Ergebnisse, die niemand dem kurz zuvor noch darniederliegenden deutschen Fußball zugetraut hatte.
Trotz des guten Abschneidens verlängert Jürgen Klinsmann nicht beim DFB. Für die Fans ist schnell klar: Nur mit "höggschder Disziplin" kann das Niveau gehalten werden.
Der zweite Mann wird zum ersten und führt das Projekt fort. Mit gelassener Souveränität tritt Löw in die Fußstapfen von Klinsmann.
Dabei setzt er weiter auf seinen eigenen Stil und professionellen Rat. Er behält den großen Betreuerstab bei und ...
... holt sich Hans-Dieter "Hansi" Flick als Assistenten an seine Seite.
"J.L." formt aus oft jungen Spielern immer wieder eine international konkurrenzfähige Auswahl und führt die Elf zur Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz. Und dort wird er endgültig zu Legende und Sympathieträger.
Im letzten Vorrundenspiel gegen Gastgeber Österreich spielen die Nerven verrückt. Es kommt zum Streit zwischen Jogi Löw, Österreich-Trainer Josef Hickersberger und dem vierten Offiziellen.
Der Schiedsrichter verweist Löw auf die Tribüne, für das kommende Viertelfinalspiel gegen Portugal darf er nicht auf der Trainerbank sitzen. Das Spiel gegen die Portugiesen ...
... verläuft dermaßen dramatisch, dass es Löw nicht mehr aushält. Der Gelegenheitsraucher steckt sich vor Nervosität eine an ...
... und pafft sich hektisch einen in der Glaskabine - unter den Augen der TV- und Fotokameras. Ein schlechtes Vorbild, der Herr Löw, aber eben auch nur ein Mensch.
Deutschland gewinnt gegen Portugal, übersteht auch das Halbfinale gegen die Türkei. Doch im Finale gegen Spanien folgt der Niederschlag: Die Iberer besiegen Jogis Jungs mit 1:0. Löw muss trösten. Der Titel war so nahe.
2010 in Südafrika wittern Jogi und seine Jungs ihre nächste Chance. Doch wenige Wochen vor Turnierbeginn der Schock: Aufgrund einer Verletzung muss die Mannschaft ohne Kapitän Michael Ballack antreten.
Mit Ballack verliert Löw seinen erfahrensten Spieler, der die junge Multikulti-Truppe anführen sollte. Fans und Medien sind skeptisch ...
... zu Unrecht: Nur im Halbfinale gegen Spanien, das Deutschland 0:1 verliert, ist die Mannschaft des smarten Baden im blauen Glückspulli zu stoppen. Die "Adler" belegen am Ende erneut den dritten Platz.
Spätestens seit dieser WM gilt Löw als Superheld des deutschen Fußballs - und hat nun gemeinsam mit der gesamten Führungsrige sein Engagement bis 2012 verlängert.
Video: Frohnatur Poldi - Hilft das Heimspiel aus dem Formtief?
Video: Schweinsteiger wieder fit - DFB-Elf fühlt sich siegessicher
Video: Der Noch-Kapitän - Ballack traf sich mit Löw - zum Kaffee trinken

Im DFB-Pokal sind die Kleinen das Salz in der Suppe, in der EM-Qualifikation sind sie den Großen nur noch lästig. Die Spiele gegen die Fußball-Zwerge werden für Spanien, die Niederlande und Co. zunehmend zum Ärgernis, der Ruf nach einer Vor-Qualifikation wird immer lauter. Auch Joachim Löw warnt davor, den jetzigen Modus beizubehalten: "Die Qualität der Spieler wird dadurch über die Jahre hinweg leiden", sagte der Bundestrainer vor dem Duell mit Aserbaidschan (20.45 Uhr/live im N24.de-Ticker).

Löw hat zwar Verständnis für die Situation der Nationen aus der dritten Reihe, sieht in der Teilnahme der Außenseiter und der dadurch hohen Anzahl von Spielen aber ein ernsthaftes Problem. "Die kleinen Nationen leben von diesen Spielen sportlich und finanziell. Aber ich würde mir wünschen, dass der Terminkalender etwas entzerrt wird, denn es entsteht dadurch eine unheimliche Termindichte", sagt Löw.

Deutlich drastischere Töne in der Debatte, die alle vier Jahre neues Futter bekommt, schlägt der ehemalige englische Nationalspieler Tony Cottee an: "Diese Spiele sind die totale Zeitverschwendung. Wir reden davon, dass die Weltklasse gegen Spieler antritt, die Probleme haben, in eine Thekenmannschaft zu kommen. Es ist eine Farce", sagte Cottee und legte nach: "Man lässt ja auch nicht jeden in Wimbledon spielen."

Wem hilft das Spiel Liechtenstein gegen Spanien?

Auf der Insel erhält erhält der 45-Jährige Unterstützung sowohl von Arsenal-Teammanager Arsene Wenger ("Die Qualität nimmt ab") als auch dessen Kollege Harry Redknapp (Tottenham Hotspur): "Es sollte eine Vor-Qualifikation geben. Die Kleinen sollten nicht mehr automatisch einen Gruppenplatz erhalten."

Gleich reihenweise stehen in der laufenden Quali ungleiche Duelle auf dem Programm. Liechtenstein, derzeit in der Weltrangliste auf Platz 141 geführt, kam bereits mit 0:4 gegen Welt- und Europameister Spanien unter die Räder, der Weltranglistenletzte San Marino (Platz 202) und die Färöer (118) waren beim Aufgalopp ebenfalls traditionell chancenlos. Beide hatten die Quali für die EM 2008 in Österreich und die Schweiz mit zwölf Niederlagen in zwölf Spielen beendet und waren dabei in Serie untergegangen. 57 Gegentore kassierte San Marino, für 19 davon sorgte alleine die deutsche Mannschaft.

Barnes sieht die Sache anders

Zu Überraschungen kommt es im Kampf zwischen David und Goliath nur in den seltensten Fällen, zumindest ab und zu wird es aber für einen Großen eng, das erlebten zuletzt die Italiener beim 2:1 in Estland. Entsprechend erleichtert zeigte sich Nationaltrainer Cesare Prandelli nach dem mühsamen Erfolg. "Wir können froh sein, dass wir das überstanden haben. Es gibt keine leichten Spiele mehr und es gibt keine leichten Gegner mehr. Das hat es in der Vergangenheit gegeben."

Einen ganz anderen Ansatz verfolgt der englische Ex-Nationalspieler John Barnes, der sich für den Erhalt der derzeitigen Regelung ausspricht und in den Qualifikationsspielen eine Entwicklungschance für die Kleinen sieht. "Schaut euch Griechenland an. Als ich gegen sie gespielt habe, machten wir fünf, sechs, sieben Tore. Und was passierte danach? Sie gewannen den Europameistertitel. Was hat England in dieser Zeit gewonnen?"

(Uli Schember und Thomas Bachmann, sid, N24)

07.09.2010 13:52 Uhr

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