Ein Gutachten bringt die Stuttgart-21-Befürworter weiter in Bedrängnis. Demnach könnten die Kosten auf bis zu 19 Milliarden Euro steigen. Die Grünen erreichten derweil ein historisches Umfragehoch.
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Beim Bahnprojekt Stuttgart 21 und der neuen Schnellbahnstrecke nach Ulm droht nach einem neuen Gutachten eine Kostenexplosion. Das Münchner Ingenieurbüro Vieregg & Rößler schätzt die Ausgaben für das Gesamtprojekt auf 12 bis 18,7 Milliarden Euro. Die Bahn, die nur von 7 Milliarden Euro ausgeht, warf den Gutachtern vor, die Bürger mit "Horrorzahlen" verunsichern zu wollen. Die Grünen in Bundestag und Landtag, die die Studie in Auftrag gegeben hatten, forderten einen sofortigen Ausstieg aus dem Projekt. "Der Bund muss die Reißleine ziehen", sagte Winfried Hermann (Grüne), Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Bundestag. Die Koalition aus CDU und FDP im Südwesten lehnte das rundweg ab und warf den Grünen Stimmungsmache sechs Monate vor der Landtagswahl vor.
Die Südwest-SPD, die bisher hinter dem Projekt stand, will nun einen Volksentscheid und einen Baustopp. CDU und FDP zeigten sich empört. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke sprach "von einer Partei der Umfaller und Wendehälse". Der Streit um Stuttgart 21 bestimmt nach Umfragen auch die politische Stimmung. Zuletzt hatten SPD und Grüne im Land eine Mehrheit - auch weil mehr als die Hälfte der Bürger den Umbau des Kopfbahnhofs in eine unterirdische Durchgangsstation und deren Anbindung an die neue ICE-Strecke nach Ulm ablehnt.
Grüne auf historischem Hoch
Der Debatte um das Bahnprojekt stellt die politischen Verhältnisse in Baden-Württemberg derweil auf den Kopf: Ein halbes Jahr vor der Landtagswahl erreichen die Grünen laut einer Umfrage von Infratest dimap das Rekordergebnis von 27 Prozent. Dagegen steckt die Koalition aus CDU und FDP mit nur 40 Prozent in einem historischen Tief, wie die Umfrage im Auftrag der "Stuttgarter Zeitung" ergab. Die SPD landet bei nur 21 Prozent. Grüne und SPD hätten eine deutliche Mehrheit mit zusammen 48 Prozent. Laut Umfrage sind 54 Prozent der Baden-Württemberger gegen Stuttgart 21.
Probleme beim beim Alb-Aufstieg
Die Gutachter Karlheinz Rößler und Martin Vieregg haben ausgerechnet, dass sich die Ausgaben für die neue ICE-Trasse auf mindestens 5,3 Milliarden Euro belaufen werden und nicht - wie von der Bahn berechnet - auf 2,9 Milliarden Euro. Vieregg & Rößler hatten bereits 2008 eine Studie zu den Kosten des Bahnhofsprojekts und der Anbindung an die Schnellbahnstrecke nach Ulm vorgelegt. Damals waren sie von Ausgaben von 6,7 bis 8,7 Milliarden Euro ausgegangen. Die Bahn rechnet mit nur 4,1 Milliarden Euro.
Die Ingenieure erklärten, vor allem die Kosten für die Tunnelarbeiten beim Alb-Aufstieg schlügen viel stärker zu Buche als die Bahn bisher annehme. Ein Grund dafür seien die Geologie und Probleme mit eindringendem Wasser. Vieregg und Rößler hatten mit ihren Kostenberechnungen das Transrapid-Projekt von der Münchner Innenstadt zum Flughafen zu Fall gebracht.
Grüne: Projekt schöngerechnet
Der Grünen-Politiker Hermann kritisierte, die Bahn habe die Kosten schöngerechnet, um von der Politik grünes Licht zu bekommen. "Im Privatleben würde man von Betrug sprechen." Die Bahn hatte erst vor kurzem die Ausgaben für die Strecke, die sich an das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 anschließt, um 865 Millionen Euro nach oben korrigiert. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) ließ zu dem neuen Gutachten erklären: "Nach den uns vorliegenden Zahlen ist das Projekt wirtschaftlich."