Stuttgart-21-Debatte

Gutachten prophezeit Finanzdesaster

Ein Gutachten bringt die Stuttgart-21-Befürworter weiter in Bedrängnis. Demnach könnten die Kosten auf bis zu 19 Milliarden Euro steigen. Die Grünen erreichten derweil ein historisches Umfragehoch.

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Wird Stuttgart 21 für die Bahn und den Staat zu einem Fass ohne Boden? Experten prophezeien in einem Gutachten eine Kostenexplosion.
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"Stuttgart 21" ist der Projektname für den Bau eines der teuersten Schienenverkehrsprojekte in der Geschichte Deutschlands.
Hauptbestandteil ist der aufwändige Um- und Neubau des alten Stuttgarter Hauptbahnhofs aus den 1920er Jahren.
Aus dem Kopfbahnhof in Backsteinoptik soll ein moderner Durchgangsbahnhof werden, der sich ...
... weitgehend unterirdisch befindet. Durch die aufwändige und teure Verlegung der Gleise unter die Erde ...
... wird in der Stuttgarter Innenstadt ein riesiges Areal frei, auf dem neue Wohn- und Geschäftsgebäude für Zehntausende Menschen entstehen sollen.
Der verantwortliche Architekt Christoph Ingenhoven ergänzt den unter Denkmalschutz stehenden Backsteinbau von Paul Bonatz ...
... mit einem futuristischen Neubau aus Stahl, Glas und Beton. Teile des alten Gebäudes müssen dafür jedoch weichen.
Der neue Bahnhof wird mehrere unterirdische Ebenen besitzen, das Dach ebenerdig abschließen. Darunter folgen ...
... eine Verteilerebene mit Zugängen zu den Bahnsteigen, die Bahnsteige der Fernbahn und die Bahnsteige der S-Bahn.
Der Bahnhof ist als Null-Energie-Bahnhof konzipiert. Durch den unterirdischen Bau soll keine Energie für Heizung oder Kühlung gebraucht werden.
Für die Beleuchtung soll am Tage Sonnenlicht genutzt werden, das durch gläserne Lichteinlässe in der Bahnhofsdecke dringt. Im Zuge des Bauprojekts ...
... müssen umfangreiche Gleisbauarbeiten in und um Stuttgart durchgeführt werden. Die Verbindung nach Ulm wird komplett neu gebaut.
Am 2. Februar 2010 begannen offiziell die Bauarbeiten für das Milliarden-Projekt. Stuttgarts Bürgermeister Wolfgang Schuster, der damalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg, ...
... Günther Oettinger (2.v.l., CDU), Bahnchef Südwest Werner Klingberg (M), Bahnchef Rüdiger Grube (3.v.r.) und Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (2.v.r.) drückten den "Startknopf".
In der Stuttgarter Bevölkerung ist das Bauvorhaben umstritten. Von Beginn an gab es immer wieder Proteste dagegen mit ...
... teils mehreren tausend Teilnehmern. Die Gründe für die Proteste sind vielfältig. So werden etwa die gigantischen Kosten für das Vorhaben kritisiert.
Ursprünglich waren diese auf 2,6 Milliarden Euro geschätzt worden. Inzwischen ist gar von 4,1 Milliarden Euro die Rede.
Auch ökologische und denkmalpflegerische Aspekte spielen eine Rolle. Der Anfang 2009 aus dem Projekt ausgestiegene Architekt ...
... Frei Otto befürchtet gar gravierende Risiken. Das Erdreich unter dem Bahnhof könnte nachgeben, so Otto. Risse und sogar Krater könnten entstehen.
Ungeachtet der Bedenken und Proteste haben die Bauarbeiten in Stuttgart begonnen. Teile des alten Bahnhofs ...
... wurden bereits abgerissen. Demonstranten besetzten Gebäudedächer, um die Abrissarbeiten zu behindern. Auf Transparenten ...
... forderten sie den Rücktritt von Bürgermeister Wolfgang Schuster (CDU), der das Projekt vehement verteidigt.
Unterstützt werden die "Stuttgart 21"-Gegner von anderer politischer Seite. Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Renate Künast will dem Projekt ...
... wegen der explodierenden Kosten die Bundesmittel streichen lassen. Ihre Erfolgschancen sind gering. Union und SPD stehen weiter zu dem Vorhaben.
Video: Stuttgart 21 - Zeichen stehen auf Konfrontation
Video: Stuttgart 21 - Zehntausende bei Großdemo
Video: Nach Stuttgart 21-Demo - Bahnchef Grube zu Gesprächen bereit
Video: Stuttgart 21 - Bürger sauer, neue Großdemonstration
Video: Bahnhofsneubau - Massive Bürgerproteste gegen "Stuttgart 21"
Video: "Stuttgart 21" - Architekt fordert sofortigen Baustopp

Beim Bahnprojekt Stuttgart 21 und der neuen Schnellbahnstrecke nach Ulm droht nach einem neuen Gutachten eine Kostenexplosion. Das Münchner Ingenieurbüro Vieregg & Rößler schätzt die Ausgaben für das Gesamtprojekt auf 12 bis 18,7 Milliarden Euro. Die Bahn, die nur von 7 Milliarden Euro ausgeht, warf den Gutachtern vor, die Bürger mit "Horrorzahlen" verunsichern zu wollen. Die Grünen in Bundestag und Landtag, die die Studie in Auftrag gegeben hatten, forderten einen sofortigen Ausstieg aus dem Projekt. "Der Bund muss die Reißleine ziehen", sagte Winfried Hermann (Grüne), Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Bundestag. Die Koalition aus CDU und FDP im Südwesten lehnte das rundweg ab und warf den Grünen Stimmungsmache sechs Monate vor der Landtagswahl vor.

Die Südwest-SPD, die bisher hinter dem Projekt stand, will nun einen Volksentscheid und einen Baustopp. CDU und FDP zeigten sich empört. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke sprach "von einer Partei der Umfaller und Wendehälse". Der Streit um Stuttgart 21 bestimmt nach Umfragen auch die politische Stimmung. Zuletzt hatten SPD und Grüne im Land eine Mehrheit - auch weil mehr als die Hälfte der Bürger den Umbau des Kopfbahnhofs in eine unterirdische Durchgangsstation und deren Anbindung an die neue ICE-Strecke nach Ulm ablehnt.

Grüne auf historischem Hoch

Der Debatte um das Bahnprojekt stellt die politischen Verhältnisse in Baden-Württemberg derweil auf den Kopf: Ein halbes Jahr vor der Landtagswahl erreichen die Grünen laut einer Umfrage von Infratest dimap das Rekordergebnis von 27 Prozent. Dagegen steckt die Koalition aus CDU und FDP mit nur 40 Prozent in einem historischen Tief, wie die Umfrage im Auftrag der "Stuttgarter Zeitung" ergab. Die SPD landet bei nur 21 Prozent. Grüne und SPD hätten eine deutliche Mehrheit mit zusammen 48 Prozent. Laut Umfrage sind 54 Prozent der Baden-Württemberger gegen Stuttgart 21.

Probleme beim beim Alb-Aufstieg

Die Gutachter Karlheinz Rößler und Martin Vieregg haben ausgerechnet, dass sich die Ausgaben für die neue ICE-Trasse auf mindestens 5,3 Milliarden Euro belaufen werden und nicht - wie von der Bahn berechnet - auf 2,9 Milliarden Euro. Vieregg & Rößler hatten bereits 2008 eine Studie zu den Kosten des Bahnhofsprojekts und der Anbindung an die Schnellbahnstrecke nach Ulm vorgelegt. Damals waren sie von Ausgaben von 6,7 bis 8,7 Milliarden Euro ausgegangen. Die Bahn rechnet mit nur 4,1 Milliarden Euro.

Die Ingenieure erklärten, vor allem die Kosten für die Tunnelarbeiten beim Alb-Aufstieg schlügen viel stärker zu Buche als die Bahn bisher annehme. Ein Grund dafür seien die Geologie und Probleme mit eindringendem Wasser. Vieregg und Rößler hatten mit ihren Kostenberechnungen das Transrapid-Projekt von der Münchner Innenstadt zum Flughafen zu Fall gebracht.

Grüne: Projekt schöngerechnet

Der Grünen-Politiker Hermann kritisierte, die Bahn habe die Kosten schöngerechnet, um von der Politik grünes Licht zu bekommen. "Im Privatleben würde man von Betrug sprechen." Die Bahn hatte erst vor kurzem die Ausgaben für die Strecke, die sich an das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 anschließt, um 865 Millionen Euro nach oben korrigiert. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) ließ zu dem neuen Gutachten erklären: "Nach den uns vorliegenden Zahlen ist das Projekt wirtschaftlich."

(dpa, N24)

08.09.2010 17:08 Uhr

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