Bei einem Polizeieinsatz auf der Ranch einer polygamistischen Sekte im US-Bundesstaat Texas haben die Behörden laut Medienberichten insgesamt fast 200 Menschen abgeholt. Spezialeinheiten der Polizei hätten sich am Samstagabend Zugang zu der als Tempel genutzten Ranch der Fundamentalistischen Kirche der Heiligen der Letzten Tage in El Dorado verschafft, berichtete die Zeitung "Houston Chronicle" am Sonntag. Insgesamt seien nun 183 Bewohner der Ranch, darunter 137 Kinder, fortgebracht worden. Zuvor hatten die Behörden erklärt, sie hätten 52 Mädchen im Alter zwischen sechs Monaten und 17 Jahren von der Ranch geholt. 18 von ihnen sollen sexuell missbraucht worden sein.
Anlass für das Vorgehen der Behörden waren Informationen über einen 50-Jährigen, der illegal eine 16-Jährige geheiratet und mit ihr Geschlechtsverkehr gehabt haben soll. Das Mädchen soll vor einigen Monaten ein Baby geboren haben. Nach Angaben von Beamten wurden nicht alle 183 Menschen aus Sorge vor Gewalt abgeholt. Vielmehr sollten sie in einer weniger beängstigenden Atmosphäre befragt werden. Die 18 mutmaßlichen Missbrauchsopfer standen am Sonntag weiter unter der Obhut der Behörden und wurden von Sozialarbeitern betreut. Nach einem Bericht der "Los Angeles Times" suchte die Polizei unterdessen weiter nach dem Verdächtigen, der 16-Jährigen und dem Baby.
Prophet Jeffs zu lebenslanger Gefängnisstrafe verurteilt
Die Behörden hatten bei dem Polizeieinsatz am Samstagabend laut "Houston Chronicle" aus Angst vor Zusammenstößen mit den Sektenführern Krankenwagen zu dem Grundstück gerufen. Die Mitglieder hatten sich zuvor stundenlang geweigert, Behördenvertretern für Befragungen Zutritt zu gewähren. Zu Zwischenfällen kam es bei dem Polizeieinsatz dem Bericht zufolge nicht. Die Ranch in El Dorado mit ihren riesigen Anlagen wurde von der Sekte im Jahr 2003 gekauft und seither von den Behörden beobachtet. Die "Fundamentalistische Kirche der Heiligen der Letzten Tage" hatte sich von der Mormonkirche "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" abgespalten. Sektenführer Jeffs, der von seinen Anhängern als Prophet betrachtet wird, wurde 2006 in Las Vegas verhaftet und im vergangenen Jahr wegen Beihilfe zu Vergewaltigung zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt. Die Mormonen hatten die Polygamie bereits vor mehr als einem Jahrhundert abgeschafft. Mitglieder von Jeffs' fundamentalistischer Sekte leben in Utah, Nevada, Arizona, Texas, Colorado, South Dakota und British Columbia. Vor 55 Jahren gab es schon einmal eine Polizeirazzia gegen die Sekte in Colorado City. Damals wurden 400 Anhänger des Glaubens vorübergehend festgenommen, darunter 236 Kinder. 150 dieser Kinder durften damals mehr als zwei Jahre lang nicht zu ihren Eltern zurückkehren. Der damalige Gouverneur von Arizona, Howard Pyle, machte sich jedoch mit der Aktion unbeliebt und wurde nicht wiedergewählt.
(AFP, N24)
07.04.2008 08:18 Uhr








