Giftschlamm in Ungarn
Umweltkatastrophe befürchtet
Die Aufräumarbeiten nach dem Chemie-Unglück in Ungarn laufen auf Hochdruck. Kritiker befürchten eine europaweite Umweltkatastrophe. Wer für die Schlammlawine verantwortlich ist, bleibt weiter unklar
Nach dem schweren Chemie-Unglück in Ungarn versuchen Behörden und Einwohner mit aller Macht, eine Umweltkatastrophe zu verhindern. Mit Hochdruckreinigern und anderem Spezialgerät wurde versucht, Straßen, Plätze und Häuser von dem giftigen roten Schlamm zu reinigen. Das Ernten und Essen von lokalen Produkten wurde ebenso wie das Jagen und Fischen verboten, alle Brunnen blieben gesperrt.
Etwa 500 Helfer seien bei den Reinigungsarbeiten im Einsatz, teilte eine Sprecherin der Katastrophenschutzbehörde mit. Unter anderem werde versucht, die Flüsse zu säubern. "Wir haben auch schon erste Erfolge, der Alkali-Gehalt im Wasser ist schon etwas gefallen." Vorsichtshalber dürften die Bewohner der betroffenen Regionen im Westen des Landes aber die Brunnen nicht benutzen. Bange Blicke richteten sich vor allem auf die Donau. Wenn das Gift bis in den zweitgrößten Fluss Europas vordringt, könnte es durch Kroatien, Serbien, Bulgarien, Rumänien und die Ukraine bis ins Schwarze Meer gelangen.
Um zu verhindern, dass die Giftbrühe in die Donau gelangt, kippten Einsatzkräfte rund 1.000 Tonnen Gips in den Fluss Marcal. Das Ausmaß der Umweltkatastrophe ist noch nicht absehbar, aber es besteht durchaus die Gefahr, dass die Schäden größer werden könnten als bei einem Unglück vor zehn Jahren, als aus einer rumänischen Goldmine in der Nähe der ungarischen Grenze zyanidhaltiges Wasser aus einem Auffangbecken in die Donau floss und in dem Strom und vier seiner Nebenflüsse Tiere und Pflanzen vergiftete.
Giftschlamm tötete vier Menschen
Bei dem Unglück wurden vier Menschen getötet, nach drei Vermissten wird weiter gesucht. Mehr als 120 Menschen wurden verletzt, die meisten erlitten Verbrennungen. Nach Angaben der Behörden schweben noch acht Verletzte in Lebensgefahr. Wegen des Ausmaßes der Katastrophe gilt für die betroffenen Gebiete der Notstand.
Der Unfall hatte sich in einer Aluminiumfabrik in Ajka ereignet, 165 Kilometer westlich von Budapest. Ein Reservoir der Fabrik zerbarst aus ungeklärter Ursache. Etwa 1,1 Millionen Kubikmeter Giftschlamm breiteten sich in den umliegenden Dörfern aus. Die wegen ihrer leuchtenden Farbe Rotschlamm genannte Masse ist ein Abfallprodukt der Aluminiumherstellung, das auch leicht radioaktiv ist. Zur Gewinnung des Zwischenprodukts Aluminiumoxid wird das Erz Bauxit in Natronlauge gelöst. Dabei entsteht der Rotschlamm, der die Abfallprodukte des Bauxits enthält - Eisenoxid, Schwermetalle und Reste der Lauge.
Rotschlamm hatte den pH-Wert von Natronlauge
Richtig gehandhabt sei Rotschlamm ungefährlich, erklärten Industrievertreter in den USA und London. Es sei ein übliches Verfahren, die rote Brühe in Auffangbecken zu leiten, wo sie dann zu einer ungefährlichen, tonartigen Masse trockne. Der aus dem Auffangbecken des Werks in der Stadt Ajka, rund 30 Kilometer nördlich des Plattensees, ausgetretene Schlamm, sei seit Jahrzehnten in dem Becken gesammelt worden, sagte der ungarische Umweltschützer Gergely Simon. Es habe einen pH-Wert von ungefähr 13 gehabt, was etwa einer Natronlauge entspricht. Das habe auch die Verbrennungen verursacht.
Insgesamt wurden etwa 40 Quadratkilometer mit dem roten Schlamm überspült. Der bis zu zwei Meter hohe Schlamm begrub in sieben Dörfern Autos unter sich, überschwemmte Wohnungen in mehr als hundert Häusern und machte Straßen unpassierbar. Entlang der Schlammlawine wurde außer Bäumen jede Vegetation zerstört. "Mein Auto wurde hundert Meter weit fortgerissen", berichtete eine Anwohnerin in dem Dorf Kolontar. Ein Mann neben ihr fragte immer nur "Wer ist schuld daran, wer ist schuld?". Auf diese Frage haben die Behörden auch keine Antwort, die Unglücksursache ist weiter unklar.
Verantwortlichkeit weiter offen
Der Aluminiumhersteller MAL, dem das Werk gehört, teilte mit, dass Rotschlamm nach den Standards der Europäischen Union nicht als Gefahrstoff gilt. Auch weist die Firma Vorwürfe zurück, nicht genug für die Sicherheit getan zu haben. Der Damm um das 300 mal 400 Meter große Auffangbecken überragt die stehengebliebenen Bäume. Sichtlich verärgert über diese Kommentare forderte Ungarns Innenminister Sandor Pinter die Verantwortlichen des Unternehmens dazu auf, eine Runde in der Brühe zu schwimmen. "Dann werden wir ja sehen", sagte er.
Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban räumte ein, dass die Behörden von der Katastrophe kalt erwischt worden seien. Das Auffangbecken in dem Aluminiumwerk sei erst zwei Wochen vor dem Unglück inspiziert worden, wobei keine Unregelmäßigkeiten festgestellt worden seien.
(AFP, dapd, N24)
07.10.2010 07:29 Uhr








