Rentenreform-Proteste
Jugendgewalt eskaliert in Frankreich
Die Proteste gegen die Rentenreform in Frankreich eskalieren zusehends. Autos und sogar eine Schule gehen in Flammen auf. Die Polizei nahm bereits weit über 1000 Jugendliche fest.
Daniel steht im Morgengrauen an der Pariser Garnier-Oper und verkauft Zeitungen. "Die einzigen, die es wegen des Streiks heute überhaupt noch gibt", betont er. Es ist ein dünnes Gratisblatt, das er im Gegenzug für eine kleine Spende verteilt. Seinen vollen Namen will er nicht nennen - die Angst vor immer radikaleren Protesten sitzt ihm im Nacken: "Ich will nicht, dass mich morgen jemand als Streikbrecher attackiert."
Nur wenige Kilometer weiter, vor dem Gymnasium Joliot-Curie in Nanterre, bricht sich derweil jugendliche Gewalt erneut in Krawallen mit der Bereitschaftspolizei Bahn. "Wir sitzen alle im gleichen Boot und kämpfen gegen soziale Ungerechtigkeit", begründet eine Jugendliche vor dem Reporter-Mikrofon ihren Einsatz.
Bereits 1100 Jugendliche festgenommen
Landesweit sind etwa 380 Schulen von ähnlichen Protestaktionen betroffen. Der eigentliche Grund - die Rentenreform - tritt dabei mitunter in den Hintergrund. Sogenannte Casseurs - meist vermummte Randalierer - nutzen oft die Gunst der Stunde: Brennende Autos oder zerschmetterte Schaufenster zeugen von deren Gewaltbereitschaft. Von einer wahren Stadtguerilla sprechen französische Medien bereits.
Die zunehmend radikaler werdenden Proteste haben die Regierung von Ministerpräsident François Fillon aufgeschreckt. Sie gibt die Zahl der festgenommenen Jugendlichen seit Beginn der Protestwelle vor einer Woche mit über 1100 an. Zwei Tage vor der erwarteten Abstimmung im Senat über die Rentenreform wurden wieder in Lyon und anderen Orten Autos beschädigt oder in Brand gesetzt. Mehrere Polizisten und ein Fotograf wurden bei Krawallen verletzt, Schaufenster demoliert, Läden geplündert. Ein nach einem Brand explodierender Motorroller verwundete in Paris eine 15-Jährige so schwer, dass sie ins Krankenhaus gebracht werden musste.
Experten warnen vor Ausschreitungen wie 1968
"Es gibt ein echtes Problem: Sobald es eine Serie von Demonstrationen gibt, sobald es dort Jugendliche gibt, mischen sich kleinere Gruppen darunter, die aus nichts weiter als Randalierern bestehen", sagt Justizministerin Michèle Alliot-Marie. Die volle Härte des Gesetzes will sie anwenden.
Alliot-Marie vermutet, dass vor der nächsten Präsidentenwahl Staatschef Nicolas Sarkozy und weniger sein Reformwerk das Ziel der Proteste sein könnte. Eine Einschätzung, die Soziologen wie Didier Lapeyronnie von der Sorbonne teilen. Es gehe um eine Ablehnung der amtierenden Regierung und eine als Ungerechtigkeit empfundene Politik, meint er - und warnt vor Verhältnissen wie bei den Jugendprotesten im Mai 1968.
Rund eine Millionen Franzosen demonstrierten
Die Hartnäckigkeit der Reformproteste provoziert bereits erste Vergleiche mit dem Generalstreik von 1995, der die Regierung von Ministerpräsident Alain Juppé in die Knie zwang. Auch damals ging es um eine Rentenreform, auch damals spielten Lkw-Blockaden eine Schlüsselrolle. Sie lassen heute wie damals den Benzin-Nachschub versiegen. Nach Medienberichten soll wegen blockierter oder bestreikter Raffinerien und Treibstoffdepots bereits mehr als 4000 der 12.500 Tankstellen der Sprit ausgegangen sein.
Die Bevölkerung reagierte bisher eher gelassen und versucht, zu Hause zu bleiben, Fahrgemeinschaften zu bilden oder unnötige Fahrten an den Aktionstagen zu vermeiden - sofern sie sich nicht an den Kundgebungen beteiligt. Nach Schätzungen waren landesweit wieder mehr als eine Million Menschen bei Demonstrationen.
(Ralf Krüger, dpa, N24)
19.10.2010 18:23 Uhr








