Minister tritt zurück

Guttenberg stürzt über Plagiat-Affäre

Verteidigungsminister Guttenberg hat seinen Rücktritt mit der öffentlichen Resonanz auf die Affäre um seine Doktorarbeit begründet. Er wolle vor allem Schaden vom Amt und von der Bundeswehr abwenden.

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Die Plagiatsaffäre um seine Doktorarbeit brachte Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) zu Fall.
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Karl Theodor zu Guttenberg tritt von allen politischen Ämtern zurück. Die Plagiats-Äffare hat ihn schließlich zu Fall gebracht. Es ist der Abgang eines Schein-Moralisten.
Dabei sah es zunächst nach einer politischen Superstar-Karriere aus. Sein kometenhafter Aufstieg beginnt erst mit der Ernennung zum CSU-Generalsekretär im November 2008.
Schon damals lobt Parteichef Horst Seehofer den Baron aus reichem Hause als "gewaltiges politisches Talent".
Guttenbergs nächster Karriereschritt scheint dies zu bestätigen: ...
Nach nur 100 Tagen im Amt steigt der 37-jährige Oberfranke zum jüngsten Wirtschaftsminister der deutschen Geschichte auf.
Umfragen zufolge gilt er als der beliebteste und bestgekleidete Politiker.
Eine Frauenzeitschrift kürt ihn zum Spitzenreiter unter den deutschen Politgrößen in punkto Sex-Appeal.
Die schwindelerregenden Umfragewerte rufen aber auch Neider auf den Plan: ...
Vom innerparteilichen Rivalen Markus Söder, dem einst als Edmund Stoibers Kronprinz beste Chancen in der CSU attestiert wurden, wird immer wieder kolportiert, ...
... dass er über Guttenbergs Blitzkarriere nicht unbedingt amüsiert ist.
Tatsächlich ist Guttenberg "der" Aufsteiger in der ersten Amtszeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).
Seine Stunde schlägt, als CSU-Wirtschaftsminister Michael Glos amtsmüde zurücktritt.
Mit Engagement arbeitet sich der gebürtige Münchner binnen kurzer Zeit ein und präsentiert sich als eigenständiger Kopf, ...
... nicht immer zur Freude der Kanzlerin.
Es gibt auch kritische Stimmen zu seinem Ruf ins Bundeskabinett, denn als Wirtschaftsfachmann hat sich der Franke bisher nicht hervorgetan.
Seine Erfahrungen in der Wirtschaft beschränken sich auf die Tätigkeit als geschäftsführender Gesellschafter der Guttenberg GmbH, einem Familienunternehmen mit drei Mitarbeitern, welches das Vermögen der Adelsfamilie verwaltete.
Bei Arcandor und Opel spricht sich Guttenberg offen für eine Insolvenz aus und droht sogar mit Rücktritt.
Sein Kalkül lautet: Sich nicht nur äußerlich von der Masse der Politiker abheben, sondern auch unpopuläre Maßnahmen vertreten.
Der Politologe Ulrich Sarcinelli sieht Guttenberg als inszenierten "Anti-Typ" des üblichen Politikers, ...
... der unbequeme Wahrheiten offen kommuniziert und Konflikte nicht unter den Teppich kehrt.
Erst als aufgedeckt wird, dass er eine externe Anwaltskanzlei zur Erarbeitung eines Gesetzentwurfs beauftragt hatte, ...
... gerät Guttenberg erstmals ernsthaft in die Kritik.
Trotzdem holt der populäre Politstar bei der Bundestagswahl 2009 in seinem Wahlkreis Kulmbach bundesweit unerreichte 68,1 Prozent der Erststimmen.
Nach dem Rücktritt von Verteidigungsminister Franz-Josef Jung (CDU) (r) wird Guttenberg dessen Nachfolger ...
... und kehrt in sein angestammtes Arbeitsgebiet Außen- und Sicherheitspolitik zurück.
Kaum im Amt, enthebt er Ende 2009 kurzerhand die beiden höchsten Mitarbeiter seines Ministeriums ihrer Posten: Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan und ...
... Staatssekretär Peter Wichert.
Begründung: Sie hätten ihm wichtige Berichte über die Bombardierung zweier Tanklaster in der Nähe des nordafghanischen Kundus nicht vorgelegt.
Beide wehren sich und beharren vergeblich auf ihrer Version, den Minister letztlich unterrichtet zu haben.
Für zunehmend kritische Stimmen sorgt auch das öffentlichkeitswirksame Auftreten des sendungsbewussten Barons mit dem sorgsam gegelten Haar.
Guttenberg weiß die Kraft der Bilder geschickt für sich zu nutzen und ...
... posiert mal auf dem New Yorker Times Square, ...
... mal mit Splitterschutzweste in Begleitung von Bundeswehrsoldaten.
Höhepunkt ist die umstrittene Afghanistan-Reise im Dezember 2010: ...
In Begleitung seiner Frau und ...
... des TV-Moderators Johannes B. Kerner besucht Guttenberg die deutschen Truppen am Hindukusch ...
... und tritt in einer vor Ort arrangierten Talkshow auf.
Aus den Reihen der Opposition hagelt es daraufhin scharfe Kritik an der "Guttenberg-Show", die nur der Selbstinszenierung diene.
Guttenbergs Pläne zur Bundeswehrreform stoßen indes auch in den eigenen Reihen auf Widerstand.
Sein Vorschlag, die Truppe zu verkleinern und die Wehrpflicht auszusetzen, ...
... treibt insbesondere ältere Hardliner in der Union auf die Barrikaden.
Mit der eiligen Suspendierung des "Gorch Fock"-Kommandanten hat Guttenberg zusätzlich Kredit bei den Streitkräften verspielt.
Kritiker sehen das "Medienphänomen Guttenberg" deshalb als Opfer seines eigenen Kommunikationsstils: ...
Für strahlende Helden sei eben auch die Fallhöhe besonders groß.
Der letzte und entscheidende Vorwurf gegen Guttenberg ergibt sich aus seiner Doktorarbeit.
Der CSU-Politiker gibt zu, Textpassagen abgekupfert zu haben. Ihm wird der Doktortitel entzogen.
Damit wächst nach dem Wirbel um die Bundeswehr-Affären der politische Druck auf Deutschlands beliebtesten Politiker.
Bis dato hatten alle Affären, die Guttenberg auf seinem steilen Karriereweg begleiteten eines gemeinsam: ...
... Schaden konnten sie dem fränkischen Adligen nicht.
In Umfragen galt Guttenberg bis zuletzt ungebrochen als Wählers Liebling.
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Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) ist der beliebteste Politiker Deutschlands. Das behaupten zumindest immer wieder diverse Umfragen.
Jetzt hat der Ruf des charismatischen Dr. jur. jedoch einen Knacks bekommen, denn seinen akademischen Titel könnte er teilweise der Arbeit anderer verdanken.
Seine Doktorarbeit "Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU" soll teilweise ...
... aus Beiträgen in Büchern, Zeitschriften und Zeitungen zusammengesetzt sein. Als Zitate wurden die Textkopien oftmals nicht gekennzeichnet.
Doch Guttenberg ist in guter Gesellschaft. Russlands Politik-Schwergewicht Wladimir Putin soll Teile seiner Doktorarbeit dem Buch "Strategic Planning and Policy" aus den USA entnommen haben.
Der ehemalige US-Präsident George W. Bush verwendet in seinen Memoiren "Decision Points" immer wieder Textstellen aus Büchern oder Zeitungsartikeln anderer - ohne zu zitieren.
Der österreichische Europapolitiker Johannes Hahn (ÖVP) soll - wie Guttenberg - Teile seiner Doktorarbeit bei anderen abgeschrieben haben. Folgen hatte das jedoch nicht.
Mitterrand-Berater Jacques Attali veröffentlichte 1982 sein Buch "Histoire du temps", in dem er sich freizügig bei zwei anderen Autoren bediente - ohne darauf hinzuweisen.
Stephen Ambrose (1936-2002) wurde unter anderem als Biograf der US-Präsidenten Dwight Eisenhower und Richard Nixon bekannt. Teile seiner Bücher sollen jedoch aus der Feder anderer Autoren stammen.
Joseph Smith (1805-1844) baute mit dem Mormonentum eine ganze Religion auf einem Plagiat auf. Das angeblich von Gott diktierte "Buch Mormon" ist in weiten Teilen mit diversen Evangelien und Apostelbriefen identisch.
Als der Begriff "Plagiat" noch gar nicht geläufig war, bediente sich auch William Shakespeare (1564-1616) für seine Dramen und Bühnenstücke immer wieder bei anderen zeitgenössischen Autoren.
Der französische Autor Denis Diderot (1713-1784) hat sein Stück "Der natürliche Sohn" teilweise von Carlo Goldonis (1707-1793) "Il Vero Amico" abgeschrieben. Dieses wiederum soll sich stark an Molieres (1622-1673) "Der Geizige" anlehnen.
Auch Bertolt Brecht (1898-1956) soll sich die "Dreigroschenoper" nicht ganz allein ausgedacht haben. Teile davon stammen von dem mittelalterlichen französischen Dichter Francois Villon (1431-1463).
"Lolita" ist das bekannteste Werk des russisch-amerikanischen Autors Vladimir Nabokov (r; 1899-1977). Seine Geschichte von dem frühreifen Mädchen erinnert stark an eine Erzählung gleichen Namens des deutschen Autors Heinz von Lichberg (1890-1951).
Bestsellerautor Dan Brown soll für seinen Roman "Sakrileg" die Thesen des Sachbuchs "Der heilige Gral und seine Erben" der Historiker Michael Baigent und Richard Leigh verwendet haben.
Auch der deutsche Autor Frank Schätzing soll für "Der Schwarm" bei einem Wissenschaftler abgekupfert haben. Die Anschuldigungen des Meeresbiologen hatten jedoch keine Konsequenzen.
Der Kriminalroman "Tannöd" der Schriftstellerin Andrea Maria Schenkel soll laut dem Sachbuchautor Peter Leuschner auf dessen Buch "Der Mordfall Hinterkaifeck" beruhen.
Auch die Nachwuchsautorin Helene Hegemann soll für ihren Bestseller "Axolotl Roadkill" frech abgekupfert haben. Ein Blogger fand einen Teil seiner Texte in ihrem Buch wieder.
In der Musik sorgte unter anderem George Harrison (1943-2001) mit Plagiatsvorwürfen für Schlagzeilen. Sein "My Sweet Lord" erinnert stark an ein Lied der "The Chiffons".
Die "Doors" verwandelten den Song "All Day And All Of The Night" von den "Kinks" als "Hello, I Love You" in einen Welthit.
Dem Deutsch-Rapper Bushido wurden mehrmals Urheberrechtsverletzungen vorgeworfen. 2010 wurde er wegen Song-Klaus bei der französischen Band Dark Sanctuary vor Gericht zu Schadenersatz verurteilt.
Und Fußball-Legende Karl-Heinz Rummenigge wollte Franz Beckenbauer 2009 mit einem eigenen Gedicht eine Freude machen. Nur stammte das ursprünglich von einer Dichterin aus Hessen.
Auch wir haben uns beim Erstellen dieser Bilderserie übrigens auf anderen Seiten "inspirieren" lassen. Im Gegensatz zu anderen geben wir das auch gerne zu.
Video: Plagiatsaffäre - Guttenberg verliert an Rückhalt
Video: Rückhalt sinkt - Guttenbergs Beliebtheit leidet
Video: Kritik an Guttenberg - Auch aus den eigenen Reihen

Zwei Wochen nach den ersten Plagiatsvorwürfen wegen seiner Doktorarbeit ist Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg von allen politischen Ämtern zurückgetreten. "Das ist der schmerzlichste Schritt meines Lebens", sagte der CSU-Politiker in Berlin. Bundeskanzlerin Angela Merkel zollte Guttenberg "Respekt und Dank für seine Arbeit", wie Regierungssprecher Steffen Seibert mitteilte.

Die FDP reagierte überrascht, die Opposition mit Genugtuung. Die CSU beriet Dienstagmittag in einer Telefonschaltkonferenz über Guttenbergs Nachfolger. Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) lehnte einen Wechsel in das Amt des Verteidigungsministers sofort ab. "Das mute ich meiner Familie nicht zu", sagte Ramsauer der "Rheinischen Post"

"Sehr freundschaftliches Gespräch"

Guttenberg war wegen seiner in Teilen wohl abgeschriebenen Doktorarbeit massiv unter Druck geraten. Vergangene Woche verzichtete er deshalb auf seinen akademischen Titel. Die Vorwürfe hielten dennoch an. Trotzdem stärkte Merkel dem der Öffentlichkeit sehr beliebten CSU-Politiker vor den Landtasgwahlen und angesichts der begonnenen Bundeswehrreform immer wieder den Rücken, auch gegen Kritik aus den Reihen von Union und FDP. Nun sagte Guttenberg, er habe seinen Rücktritt von allen politischen Ämtern in einem "sehr freundschaftlichen Gespräch" bei Merkel (CDU) eingereicht.

Zu seiner Entscheidung nach zwei Wochen heftigster Vorwürfe sagte der CSU-Politiker, Grund sei nicht allein seine fehlerhafte Dissertation. "Der Grund liegt im Besonderen in der Frage, ob ich den höchsten Ansprüchen, die ich selbst an meine Verantwortung anlege, noch nachkommen kann." Das Amt des Verteidigungsministers erfordere "möglichst ungeteilte Konzentration und fehlerfreie Arbeit", vor allem mit Blick auf die Bundeswehrreform.

Zuletzt sei es aber nur noch um ihn und seine Doktorarbeit gegangen. Damit habe sich die Aufmerksamkeit weg von den in Afghanistan verwundeten und getöteten Bundeswehrsoldaten verlagert. "Wenn es auf dem Rücken der Soldaten nur noch um meine Person gehen soll, kann ich das nicht mehr verantworten", sagte er.

"Bestelltes Haus hinterlassen"

Dass er nicht schon früher zurücktrat, begründete der CSU-Politiker damit, dass er zuerst die getöteten Soldaten in Würde habe zu Grabe tragen wollen. Das sei eine Frage des Anstands. Zudem habe er zunächst die Bundeswehrreform vorantreiben wollen. "Es gehört sich, ein weitgehend bestelltes Haus zu hinterlassen", sagte Guttenberg. "Das Konzept der Reform steht." Er räumte auch ein, dass er zunächst nicht von seinem Amt lassen wollte. "Wohl niemand wird leicht, geschweige denn leichtfertig das Amt aufgeben wollen, an dem das ganze Herzblut hängt", sagte er.

"Hinzu kommt der Umstand, dass ich mir für eine Entscheidung dieser Tragweite jenseits der hohen medialen und oppositionellen Taktfrequenz die gebotene Zeit zu nehmen hatte." Guttenberg beklagte die "enorme Wucht der medialen Betrachtung" seiner Person, räumte aber ein, dass er selbst dazu beigetragen habe. Sie sei nicht ohne Wirkung auf ihn selbst und seine Familie geblieben.

"Wer sich für die Politik entscheidet, darf kein Mitleid erwarten", sagte er. Doch sei es ihm nicht mehr möglich, die in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen. "Ich war immer bereit zu kämpfen, aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht", sagte Guttenberg.

FDP überrascht

Die CDU bedauerte den Rücktritt, wie Generalsekretär Hermann Gröhe erklärte. Die FDP reagierte überrascht auf Guttenbergs Schritt. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) betonte aber, die schwarz-gelbe Koalition gerate dadurch nicht ins Trudeln. FDP-Wehrexpertin Elke Hoff sagte der "Rhein-Zeitung", sie habe vollstes Verständnis. Doch mahnte sie, die Bundeswehrreform dürfe nun nicht ins Stocken geraten.

Ähnlich äußerte sich der Reservistenverband. Der SPD-Politiker Thomas Oppermann nannte den Rücktritt überfällig. Merkel habe sich jedoch blamiert. Ähnlich äußerten sich auch die Grünen. Die ganze Angelegenheit sei "eine Riesenblamage für die Kanzlerin", erklären die Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Renate Künast und Jürgen Trittin. Linke-Parteichefin Gesine Lötzsch bezeichnete den Rücktritt in der "tageszeitung" als folgerichtig und "einzige richtige Entscheidung".

(dpa, N24)

01.03.2011 13:11 Uhr

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