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The European

Oslo-Attentate als Chance für Thilo Sarrazin

Nach den Anschlägen von Norwegen und der aufgeheizten Stimmung wird Thilo Sarrazin gebraucht. Nun kann er beweisen, dass er nicht hetzen, sondern einen Beitrag zur Multikulti-Debatte leisten wollte.

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Thilo Sarrazin (SPD) entfachte mit seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" eine riesige Debatte um Integration in Deutschland. (dpa)
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Thilos Sarrazins Thesen zur Migration haben für Aufregung gesorgt. Hier eine Zusammenstellung von Reaktionen in Politik und Gesellschaft.
Michel Friedmann, ehemaliger Vorsitzender des Zentralrats der Juden: "Sarrazin ist menschenfeindlich und respektlos."
Renate Künast, Grüne-Fraktionsvorsitzende: "Das, was er macht, füllt vielleicht sein privates Portemonnaie, hilft uns aber in Integrationsfragen null weiter."
Bundespräsident Christian Wullf: "Ich glaube, dass jetzt der Vorstand der Deutschen Bundesbank schon einiges tun kann, damit die Diskussion Deutschland nicht schadet - vor allem auch international."
Lothar de Maizière (CDU), Innenminister: "Das, was er gemacht hat, verstößt mindestens gegen den Grundsatz 'Das tut man nicht'."
Hannelore Kraft (SPD), Ministerpräsidentin in NRW: "Sarrazin polemisiert lediglich auf unerträgliche Art, wohl um sein Buch besser verkaufen zu können".
Finanzminister Schäuble (CDU): Sarrazins Äußerungen sind "verantwortungsloser Unsinn", diese "Art der Tabuverletzung" bringt Deutschland nicht weiter.
Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit: "Er ist offensichtlich nicht ausgelastet und freut sich über den Medienrummel, der entstanden ist. Es ist auch ein großes Stück Eitelkeit dabei."
SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles: "Sarrazin ist ein unterbeschäftigter Bundesbanker mit ausgeprägter Profilneurose."
Alexander Dobrindt, Generalsekretär der CSU: "Der Typ hat einen Knall."
Dagmar Enkelmann, Linke-Fraktionsgeschäftsführerin: "Würde ein Neonazi denselben Unsinn (...) verbreiten, wäre er zweifellos ein Fall für die Gerichte - nur bei einem Bunesbankvorstand hat man plötzlich die Samthandschuhe an.
Dieter Graumann, Vizechef des Zentralrats der Juden: "Er hat die rote Linie überschritten."
FDP-Fraktionschefin Birgit Homburger: "Die diskriminierenden Äußerungen von Herrn Sarrazin sind nicht akzeptabel."
Grüne-Vorsitzende Claudia Roth: "Wenn die Bundesbank jetzt nicht mit einem Rauswurf handelt, wäre das nur der Beleg dafür, dass der Rechtspopulismus mit dem Champagnerglas in den oberen Etagen Einzug erhält."
Gesine Lötzsch, Vorsitzende der Partei Die Linke: "Außerem muss untersucht werden, ob Sarrazin seine Privilegien als Bundesbankvorstand dafür missbraucht hat, sein Buch zu verkaufen."
Video: Nach Massaker - Sarrazin mitverantwortlich gemacht
Video: Sarrazin in Kreuzberg - Heinz Buschkowsky zu den Beschimpfungen
Video: Parteiausschlussverfahren - Tilo Sarrazin darf SPD-Mitglied bleiben

Ein Kommentar von Christoph Giesa

Noch letzte Woche habe ich Thilo Sarrazin vorgeschlagen, sich doch endlich auf Mallorca zur Ruhe zu setzen. Nach den Anschlägen durch einen rechtsextremen Gewalttäter in Norwegen nehme ich diese Forderung zurück. Thilo Sarrazin wird jetzt in Deutschland gebraucht – wenn er seine Verantwortung endlich anerkennt. Es ist vermutlich seine letzte Chance, zu beweisen, dass er tatsächlich das Wohl der Gesellschaft im Blick hat, wie er immer behauptet.

Wer sich die Kommentare in den einschlägigen Foren gegen die sogenannte "Political Correctness", aber auch auf den Internetseiten der Massenmedien zu Gemüte führt, muss erschrecken. Große Teile der Diskussionsteilnehmer, in weiten Teilen offen bekennende Sarrazin-Jünger, zeigen eine kaum verhohlene Sympathie für die Motive des Attentäters und sind nicht etwa ob des von ihm angerichteten Blutbads schockiert, sondern kritisieren vielmehr, dass er "der gemeinsamen Sache" einen Bärendienst erwiesen habe und den "Gutmenschen" und deren pro-islamischen "Multi-Kulti-Politik" in die Karten spiele.

Anschläge als "Wake-Up-Call" für die Politik?

An der einen oder anderen Stelle werden sogar, mit der bewusst offen gelassenen Frage: "Wem hilft der Anschlag?" krude Verschwörungstheorien angeheizt. Und nicht wenige Kommentatoren kommen zu dem Schluss, dass am Ende doch genau der "Kulturmarxismus" und die "Islamisierung", die sie in der "EUdSSR" sowieso seit langem beobachten, der eigentliche Grund für den Amoklauf seien, denn wenn man auf Dauer versuche, die "Aufrechten, wie Sarrazin, Wilders und Fortuyn mundtot zu machen" suche sich "der Druck eben seinen Weg".

Auch die Voraussage, dass in Zukunft, bei einer anhaltenden "Politik gegen die Interessen der Mehrheit der Bio-Deutschen" mehr und mehr Personen "in den Untergrund gehen" werden und sich dem "bewaffneten Widerstand gegen den islamischen Kulturimperialismus" verschreiben werden, findet sich immer wieder – und nicht ohne, dass die Verfasser eine gewisse Sympathie dafür erkennen lassen. Es ist von einem dringend notwendigen "Wake-Up-Call" die Rede, den auch die deutsche Regierung endlich begreifen solle. Und ein erstes Umsteuern, so ist zu lesen, könnte auch darin bestehen, dass man "endlich nicht mehr das deutsche Geld an die Pleitestaaten rauspfeffert", sondern statt dessen wieder auf nationale Interessen setzt und die D-Mark wieder einführe.

Sarrazin ist keinesfalls verantwortlich

Genau an dieser Stelle greift nun die Verantwortung derer, die, egal ob gewollt oder nicht, als Sprachrohr dieser Klientel gesehen werden. Diese sind nicht verantwortlich für die Anschläge in Oslo, keine Frage. Wohl aber tragen sie eine besondere Verantwortung dafür, dass in Deutschland wieder Mäßigung an die Stelle von Hass tritt. Zu diesen besonders Verantwortlichen gehören neben Thilo Sarrazin auch prominente Vertreter der Euro- bzw. europakritischen Fraktion, aber auch Publizisten wie Hans-Olaf Henkel oder Henryk M. Broder, weil sie, ob gewollt oder ungewollt, zu Ikonen der neuen deutschen Rechten geworden sind.

Dass ihnen gerade jetzt diese Position vielleicht weniger gut gefallen dürfte, als wenn es etwa um eine Renationalisierung Europas und die Rückkehr zur D-Mark geht, ist verständlich. Allerdings gilt: Wer in guten Zeiten mit einer Klientel kräftig Kasse machen kann, muss sich nun auch in schlechten Zeiten mit dieser auseinandersetzen. Letztlich gilt hier die gleiche Regel wie im Sport: Ein Fußballclub kann sich seine Fans auch nicht aussuchen, in die Verantwortung für deren Fehlverhalten wird er allerdings trotzdem genommen.

"Sarrazin sollte sich klar bekennen"

Wenn vor allem Thilo Sarrazin beweisen will, dass es ihm mit seinem Buch tatsächlich nicht nur um eine populistische, rein destruktive Beschimpfung gewisser Bevölkerungsgruppen ging, sondern er sich tatsächlich in der Verantwortung für Deutschland sieht, dann ist jetzt sein Moment gekommen, um klar Position zu beziehen. Nur zu behaupten, er sei doch falsch verstanden worden und seine Kritiker hätten sein Buch vermutlich nicht gelesen, reicht spätestens jetzt nicht mehr. Sarrazin sollte sich so klar bekennen – ohne Grautöne, ohne die Möglichkeit, so oder so verstanden zu werden – dass denen, die sich hinter seiner Person verstecken, um ihre menschenfeindlichen Positionen zu verbreiten, endgültig das Vorbild abhanden kommt und der eine oder andere vielleicht in sich geht und sich die Frage stellt, ob er in seinem hasserfüllten "Blutrausch" gegen alles Fremde, vielleicht auch aus einer kruden, schwer fassbaren Angst vor dem eigenen Absturz heraus, deutlich über das Ziel hinausgeschossen ist.

"Radikale Ideologien sind nicht Teil der Lösung"

Radikale Ideologien, egal ob religiös oder politisch, christlich-fundamentalistisch, islamistisch, rechts- oder linksradikal, in abgestufter Form auch marktradikal, sind nicht Teil der Lösung unserer Probleme. Wer sich in diesen Tagen nicht deutlich gegen jede, aber auch wirklich jede Art von Fundamentalismus stellt, macht sich zum Instrument eines primitiven Hasses, der unsere offene Gesellschaft bedroht und wird spätestens damit selbst zum Problem für diese Gesellschaftsform und in meiner Definition zum "Primitivbürger", der das Gegenteil von aufklärerischen Werten vertritt. Es ist Zeit, sich zu bekennen – unabhängig davon, ob sich das auf die Verkaufszahlen der eigenen Bücher oder die Besucherzahlen bei den eigenen Veranstaltungen auswirkt.

(Christoph Giesa, The European, N24)

28.07.2011 11:49 Uhr

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