Muammar Gaddafi ist tot. Nach Angaben des Übergangsrats der Rebellen erlag der libysche Ex-Diktator seinen schweren Verletzungen, die er möglicherweise bei einem NATO-Luftangriff erlitt.
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Die mehr als vier Jahrzehnte währende Herrschaft von Libyens Ex-Machthaber Muammar al-Gaddafi ist endgültig vorbei: Zwei Monate nach seinem Sturz ist der 69-Jährige nach Angaben des Übergangsrates getötet worden. "Alle Hinweise, die wir haben, besagen, dass Oberst Gaddafi Geschichte ist", sagte Informationsminister Mahmud Schammam dem Nachrichtensender CNN. Gaddafi sei während der Gefechte in seiner Heimatstadt Sirte von Milizionären getötet worden. Die genauen Umstände des Todes waren zunächst noch unklar.
Nach widersprüchlichen Berichten soll Gaddafi entweder während der Flucht aus einem Haus, in einem Autokonvoi, in einem Erdloch oder aber versteckt hinter großen Betonröhren getötet worden sein. Von Gaddafi fehlte seit dem 27. August jede Spur. Neben dem Diktator soll auch dessen Geheimdienstchef Abdullah al-Senussi getötet worden sein. Außerdem soll sich der verletzte Gaddafi-Sohn Mutassim in den Händen der Milizionäre befinden, berichtete der arabische Fernsehsender Al-Dschasira.
Übergangsrat plant Wahlen
Sollten sich die Berichte über den Tod Gaddafis und den Fall seiner Heimatstadt Sirte bestätigen, wäre der Weg frei für den Aufbau eines neuen Libyens. Der Übergangsrat hat angekündigt, eine neue provisorische Regierung zu bilden und demokratische Wahlen abzuhalten. "Heute kann Libyen eine neue Seite in seiner Geschichte aufschlagen und eine neue demokratische Zukunft beginnen", heißt es in einer Erklärung von EU-Ratspräsident Herman van Rompuy und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso.
Die Berichte über die genauen Umstände des Todes sind widersprüchlich. Informationsminister Schammam sagte, Milizionäre hätten versucht, ein Haus in Sirte zu stürmen. Gaddafi habe dann versucht zu flüchten. Er könne aber nicht sagen, ob Gaddafi in dem Haus oder in einem Fahrzeug getötet worden sei. Der Nachrichtensender Al-Arabija zeigte am Donnerstag Bilder von dem Ort in Sirte, an dem die Kämpfer Gaddafi angeblich gefunden hatten. Zu sehen sind zwei große Betonröhren, darüber hat jemand auf eine Betonwand gesprüht: "Dies ist der Platz der verfluchten Ratte Al-Gaddafi - Gott ist groß". Vor den Betonröhren liegen zwei Leichen am Boden.
NATO-Luftangriff auf Konvoi
Nach anderen Berichten starb der Ex-Diktator während eines Angriffs auf einen Fahrzeugkonvoi. Wie ein Reporter der britischen Tageszeitung "Guardian" berichtete, wurde der Konvoi am Donnerstagmorgen von Nato-Flugzeugen angegriffen, als er gerade Sirte verlassen wollte. Die Nato bestätigte lediglich einen Angriff auf einen Konvoi. Der arabische Fernsehsender Al-Dschasira meldete unter Berufung auf Milizionäre, dass Gaddafi in einem Erdloch gefasst worden war. Der britische Sender BBC zitierte einen Milizionär, wonach Gaddafi gebettelt haben soll: "Nicht schießen, nicht schießen."
Unterdessen sind Fotos und erste verwackelte Videos aufgetaucht, die den getöteten ehemaligen Diktator zeigen sollen. Auf einem Bild ist ein Mann zu sehen, bei dem es sich um Gaddafi handeln soll. Er liegt blutend und umringt von Milizionären des Übergangsrates auf dem Boden. Das Gaddafi sich in Sirte versteckt hatte, ist für viele Beobachter überraschend. Der seit zwei Monaten Flüchtige war in einer Oase im Süden des Landes vermutet worden. Allerdings erklärt sich jetzt, warum in Sirte Gaddafi-Getreue über Wochen hinweg erbitterten Widerstand gegen die Truppen des Übergangsrates geleistet haben.
EU fordert Prozess der Aussöhnung
Gaddafis Heimatstadt war am Donnerstag als letzte Bastion des Widerstands gegen die neuen Herrscher gefallen. Milizionäre hissten die Flagge des Übergangsrates im Stadtzentrum. Außerdem feuerten sie Salven aus ihren Maschinenpistolen ab. Auch in der Hauptstadt Tripolis herrschte große Freude. "Hier in Tripolis feiern die Menschen schon auf den Straßen", berichtete der Fernsehsender Al-Arabija.
Nach den Berichten über den Tod Gaddafis sieht die Europäische Union "ein Ende der Ära von Gewaltherrschaft und Unterdrückung, unter der das libysche Volk zu lange gelitten hat". Die politische EU-Spitze forderte den Nationalen Übergangsrat Libyens auf, einen "breit angelegten Prozess der Aussöhnung" einzuleiten. Dieser müsse sich an alle Libyer richten und einen "demokratischen, friedlichen und transparenten Übergang im Land ermöglichen".
Als der frühere Luftwaffenchef vor knapp 30 Jahren aus einer Krise heraus an die Macht kam, war das für viele Ägypter und westliche Politiker ein Zeichen der Stabilität. 1981 hatte er neben seinem Amtsvorgänger Anwar al Sadat auf der Tribüne gesessen, als dieser bei einer Parade erschossen wurde. Der Unmut über sein Regime wuchs vor allem in den letzten Jahren, als neue Pressefreiheiten brutales Vorgehen der Polizei aufdeckten und von Wirtschaftsreformen nur die Wenigsten etwas hatten. 2005 versuchte er es mit Demokratie und ließ Gegenkandidaten zur Präsidentschaftswahl zu. Als die Opposition Erfolge hatte, machte er eine Kehrtwende und ließ seinen Gegenspieler und Vertreter der Muslimbruderschaft ins Gefängnis werfen. Gepaart mit Armut und Korruption trieb Mubaraks autoritärer Stil die Menschen schließlich auf die Straßen. Am 11. Februar 2011 gab Mubarak auf und trat zurück.
Algerien: Abdelaziz Bouteflika
Der 73 Jahre alte autoritäre Präsident ist seit 1999 im Amt und wurde 2009 mit mehr als 90 Prozent der Stimmen für eine dritte Amtszeit wiedergewählt. Um erneut kandidieren zu können, hatte er die Verfassung ändern lassen. Bis Ende der 90er Jahre führten blutige Angriffe islamistischer Rebellen zu Instabilität. Der harte Kurs Bouteflikas gegen die Terroristen war mit zahlreichen Menschenrechtsverletzungen verbunden. 2009 eskalierten Proteste in den Armenvierteln der großen Städte in mehrtägige Straßenschlachten. Seitdem begehren immer wieder Algerier mit Demonstrationen und Streiks gegen den Machthaber auf.
Sudan: Omar Al-Baschir
Der 1944 geborene Diktator beherrscht das Nachbarland Ägyptens seit 1989. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag hat gegen den Präsidenten wegen Kriegsverbrechen in der westsudanesischen Krisenregion Darfur Haftbefehl erlassen. Nun weht Al-Baschir auch im eigenen Land zunehmend der Wind ins Gesicht. Nach einem Referendum über die Unabhängigkeit des Südsudans wird er für die absehbare Teilung des Landes verantwortlich gemacht. Nach dem Wegfall südsudanesischer Ölquellen eingeleitete Sparmaßnahmen und Preissteigerungen sorgen in der Bevölkerung für zusätzlichen Unmut. Al-Baschir wird massiv von der Opposition bedrängt, Regierungsgegner rufen zu Demonstrationen auf.
Jemen: Ali Abdullah Salih (zurückgetreten)
Der 68 Jahre alte Präsident des Armenhauses Arabiens ist nach monatelangen Protesten der Opposition und zahlreichen gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Armee und Rebellen zurückgetreten. In einer Vereinbarung für einen friedlichen Machtwechsel erklärte er sich dazu bereit, seine Macht nach 32 Jahren an eine Übergangsregierung abzugeben. Die Macht des Präsidenten ist außerhalb der Hauptstadt Sanaa stark eingeschränkt. Stammesfürsten im Landesinnern erkennen die Macht der Zentralregierung oft nicht an. Der teils politisch, teils religiös motivierte Aufstand der schiitischen Houthi-Rebellen im Nordwesten des Landes eskalierte seit 2004 mehrfach zum Bürgerkrieg. Das Terrornetzwerk Al-Kaida nutzt einige Stammesgebiete als Rückzugsgebiet mit Rekrutierungs- und Ausbildungslagern.
Jordanien: Abdullah II.
Seit dem Tod seines Vaters Hussein - König von 1952 bis 1999 - herrscht Abdullah II.. Der 49-Jährige ist mit seinem umfangreichen Reformprogramm angetreten und sieht sich als Vorreiter der Modernisierung im Nahen Osten. Im jordanischen Parlament wird nur die Hälfte der 120 Abgeordneten gewählt, 60 werden vom König ernannt. Ein großes Protestpotenzial liegt in der hohen Arbeitslosigkeit. Nach Demonstrationen in den vergangenen Wochen löste der König die Regierung auf. Ein neues Kabinett soll weitere politische Reformen einleiten.
Syrien: Baschar Al-Assad
Als 2000 Präsident Hafis al-Assad nach fast 30 Jahren im Amt starb, setzte sich dessen Sohn Baschar an die Staatsspitze. Der 45-Jährige stützt sich auf die allmächtige Baath-Partei und das Militär. Seit 1963 gilt in Syrien der Ausnahmezustand. Menschenrechtler kritisieren willkürliche Verhaftungen und Folter. Al-Assad zeigte sich kürzlich in einem Interview aufgeschlossen für politische Reformen, ließ bisher aber keine Taten folgen. Trotz Unterdrückung und Polizeistaat riefen Oppositionsgruppen in den vergangenen Tagen zu Protesten gegen das Regime auf.
Tunesien: Zine El Abidine Ben Ali (gestürzt)
Wie straffe Führung funktioniert, hat Ben Ali von der Pike auf gelernt. Er wurde an Militärakademien in Frankreich und den USA ausgebildet, später arbeitete er an der Spitze der militärischen und nationalen Sicherheit Tunesiens. 1987 wurde er erst Innen- und dann Premierminister. Ende desselben Jahres kam es zum Putsch gegen den zuletzt senilen Habib Bourguiba, der Präsident auf Lebenszeit war. Ben Ali übernahm die Macht auch unter dem Beifall des Auslands. In seiner Antrittsrede versprach er Demokratie, Pluralismus und soziale Gerechtigkeit. Auf die Einlösung dieser Versprechen warteten die Tunesier jedoch vergeblich. Zwar erzielte Ben Ali Erfolge bei der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung. Bürgerrechte und Meinungsfreiheit wurden allerdings stark eingeschränkt. Nach wochenlangen Massenprotesten trat Ben Ali schließlich im Januar 2011 zurück und flüchtete aus dem Land.
Libyen: Muammar al-Gaddafi (getötet)
Der 68-jährige Muammar al-Gaddafi entstammt angeblich einer Beduinenfamilie und soll in der Region Tripolitanien, damals Teil von Italienisch-Libyen, geboren sein. Mit seinem "Bund freier Offiziere" stürzte er am 1. September 1969 König Idris durch einen Putsch und übernahm als Führer einer Militärjunta die Macht. In der Folgezeit formte Gaddafi das Königreich in einen sozialistischen Staat um. Nach dem Bombenanschlag auf die Diskothek La Belle in Berlin 1986 beschuldigte US-Präsident Ronald Reagan den libyschen Staatschef, das Attentat angeordnet zu haben, um damit die Versenkung zweier libyscher Kriegsschiffe durch US-amerikanische Streitkräfte zu rächen. Daraufhin gab Reagan den Befehl, Tripolis und Banghazi zu bombardieren. Gaddafi werden seither Verbindungen mit dem internationalen Terrorismus nachgesagt. Im Februar 1996 misslang ein Bombenanschlag auf Gaddafis Eskorte, der angeblich durch den britischen Geheimdienst MI6 unterstützt wurde. Am 20. Oktober 2011 wurde er nach monatelangen Kämpfen von den libyschen Rebellen in der Stadt Sirte getötet.