Rolle rückwärts
"Merkozy" will rasche EU-Vertragsänderung
In ihrem gemeinsamen Plan zur Euro-Rettung wollen Deutschland und Frankreich soll schnell wie möglich die EU-Verträge ändern. Automatische Sanktionen sollen die Haushaltsdisziplin verbessern.
Es war im Herbst 2010, als Angela Merkel und ihr Kompagnon Nicolas Sarkozy beim gemeinsamen Strandspaziergang in Deauville die Weichen stellten: Die deutsche Kanzlerin erhielt grünes Licht des französischen Staatspräsidenten dafür, dass Banken und Fonds bei künftigen Rettungsaktionen mitbluten müssen. Dafür ließ Merkel ihre Forderung fallen, den Stabilitätspakt durch automatische Sanktionen wirklich effizient zu machen. Beide Entscheidungen erwiesen sich als verheerend. Jetzt steht die Eurozone vor der Implosion. Um das zu vermeiden, revidierte "Merkozy", wie das Duo inzwischen genannt wird, nun seine Entscheidungen: Mit einer Rolle rückwärts wollen die beiden nun wieder raus aus der Schuldenkrise.
Das heißt konkret: Der Bruch der Neuverschuldungsgrenze von drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes soll bald automatisch bestraft werden. Weil das die nationale Haushaltssouveränität einschränkt, müssen dafür die Verträge geändert werden. Und weil nicht alle 27 EU-Staaten mitmachen werden, soll die Euro-Zone zur Not vorpreschen. Für ihren Plan wollen Merkel und Sarkozy am Donnerstag und Freitag auf dem EU-Gipfel kämpfen, im März soll der Vertrag schon ausgehandelt sein.
Als zusätzlicher Schritt zu einer Fiskalunion, in der solide gehaushaltet wird, müssen strikte Schuldengrenzen eingeführt werden. Und der Europäische Gerichtshof soll über die Einführung der Instrumente wachen. Das ist ein wichtiger Etappensieg für Merkel, denn Sarkozy hatte energisch gegen eine Abgabe nationaler Souveränität gekämpft (siehe Deauville). Und er wollte noch in den letzten Tagen verhindern, dass für den neuen Euro-Pakt strikte Defizitgrenzen festgeschrieben werden.
Merkel gibt bei Bankenbeteiligung nach
Erkauft hat sich Merkel das Zugeständnis aus Paris durch ihre Bereitschaft, Banken bei weiteren Rettungsaktionen etwa von Italien oder Spanien zu schonen. Das ist bitter. Denn nach dem Oktober-Gipfel war die Kanzlerin für den griechischen Schuldenschnitt gefeiert worden, der Banken und Fonds eine Bürde von 100 Milliarden Euro auferlegte. Ein Forderungsverzicht für Altschulden soll zum Tabu werden.
Das ist ein wichtiges Signal, mit dem die Märkte beruhigt werden sollen. Denn die Aussicht, auch auf ihren spanischen, italienischen oder belgischen Anleihen sitzen zu bleiben, hatte die Risikoaufschläge zuletzt immer bedrohlicher ansteigen lassen. Eine Gläubigerbeteiligung wird es künftig nur für neue Anleihen geben, und erst dann, wenn der dauerhafte Rettungsschirm ESM Ende kommenden Jahres aufgespannt wird. Und dann strikt nach den Regeln des Internationalen Währungsfonds, "denn Europa darf sich nicht benachteiligen", wie Merkel ihre neue Einsicht betonte.
Merkel sieht Fehler bei Papandreou
Nicolas Sarkozy räumte die beidseitige Rolle rückwärts freimütig ein: "Wir haben seit Deauville einen lange Weg zurückgelegt", sagte der Élysée-Chef. Es dauere manchmal, nach dem richtigen Weg zu suchen, "aber das macht ja die Qualität aus, dass wir das immer gefunden haben". Merkel wollte noch keine eigenen Fehleinschätzungen gestehen. Vielmehr sei es die inzwischen zurückgenommene Referendums-Ankündigung des früheren griechischen Ministerpräsidenten Giorgos Papandreou gewesen, die Anfang November das Vertrauen zerstört habe. "Das müssen wir überwinden, das ist die Botschaft."
Euro-Bonds sind endgültig vom Tisch
Zur Botschaft gehört auch ein Schweigegelübde zur Europäischen Zentralbank. Sarkozy will nicht mehr deren stärkeres Eingreifen fordern. Und Merkel will nicht länger deren laufendes Anleihen-Aufkaufprogramm kritisieren. Damit gibt sie freilich grünes Licht dazu, dass die EZB weiterhin der wichtigste Feuerlöscher in der Krise bleibt. Dafür sind die von ihr so energisch bekämpften Euro-Bonds, mit denen Sarkozy lange geliebäugelt hatte, endgültig vom Tisch. Diese könnten "in keinem Fall eine Antwort auf die Krise sein", sagte Sarkozy nun. Was das doch "für eine lustige Idee" sei, dass die Vergemeinschaftung der Schulden helfen könne.
Der "Merkozy"-Deal ist eine wichtige Etappe, mit schmerzhaften Rückziehern auf beiden Seiten. Der Plan könnte aufgehen, doch für eine echte Prognose ist es noch zu früh: Viele Einzelheiten des Paketes sind noch nicht klar, sie sollen bis Mittwoch aufgeschrieben werden, in einem Brief an EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy.
Und dann wird sich zeigen, wie die Euro-Partner reagieren. Ob sie es schlucken, dass ihnen von Paris und Berlin ein Mal mehr die Pistole auf die Brust gesetzt wird. Im vergangenen Oktober, als Merkel und Sarkozy von ihrem Strandspaziergang zurückkehrten, kochten die Partner in Brüssel und Luxemburg vor Wut über das deutsch-französische Vorpreschen. Dass das Duo nun wichtige Beschlüsse von damals selbst kassiert, könnte es den Kritikern von damals erleichtern, nun einen gemeinsamen Weg einzuschlagen.
(dapd, N24)
05.12.2011 18:56 Uhr






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