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"Schande für unser Land"

Bewegende Feier für Neonazi-Opfer

Jahrelang mordete die rechtsextremistische NSU unentdeckt. Nun wurde bei einer zentralen Gedenkfeier in Berlin ihrer Opfer gedacht. Die Bundeskanzlerin entschuldigte sich bei den Angehörigen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Angehörigen der von Neonazis ermordeten Menschen um Entschuldigung gebeten. Es sei besonders beklemmend, dass Verwandte der Opfer zu Unrecht von Ermittlungsbehörden verdächtigt worden seien: "Dafür bitte ich Sie um Verzeihung", sagte Merkel während einer Gedenkfeier für neun ermordete Kleinunternehmer türkischer und griechischer Herkunft sowie für eine deutsche Polizeibeamtin. Zugleich rief sie die Gesellschaft auf, gegen jede Form von Intoleranz und Ausgrenzung einzutreten. "Die Morde der Thüringer Terrorzelle waren auch ein Anschlag auf das Land. Sie sind eine Schande für unser Land", sagte Merkel vor rund 1200 Gästen, den Angehörigen der Opfer und sämtlichen Spitzenvertretern des deutschen Staates.

Die Behörden waren bei der Mordserie in einigen Fällen zunächst unter anderem von Straftaten im Drogen-Milieu ausgegangen und hatten Ermordete und Angehörige verdächtigt, darin verstrickt zu sein. "Wir fühlen mit Ihnen. Wir trauern mit Ihnen", sagte die CDU-Politikerin den Angehörigen.

Die über mehr als zehn Jahre von den Behörden unentdeckten Verbrechen seien "beispiellos für unser Land", sagte Merkel sichtlich betroffen. Die Kanzlerin verlas die Namen der Getöteten und versuchte, sie mit einigen Sätzen zu beschreiben. Zu Beginn ihrer Rede bat Merkel um schweigendes Gedenken. "Mit diesem Schweigen ehren wir die Opfer der Mordserie."

Opfervater verzichtet auf Entschädigungszahlung

Unter den Rednern waren auch die Töchter zweier Opfer. Sie riefen zum gemeinsamen Einsatz gegen Hass und Gewalt auf. "Ich habe meinen Vater verloren. Lasst uns verhindern, dass das auch anderen Familien passiert", sagte Semiya Simsek. Auf ihren Vater war am 9. September 2000 geschossen worden, der Blumenhändler starb später im Krankenhaus. Seine Tochter erinnerte an die Belastung, lange mit dem falschen Verdacht leben zu müssen, dass familiäre oder kriminelle Motive hinter der Tat gestanden haben könnten. "Elf Jahre durften wir nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein."

Der Vater des 2006 von Rechtsextremisten ermordeten Halit Yozgat würdigte in bewegenden Worten die Gedenkfeier. Er schilderte, wie sein Sohn in seinen Armen starb. Er dankte für das Angebot finanzieller Unterstützung, betonte aber, Geld wolle seine Familie nicht annehmen.

Das Zwickauer Neonazi-Trio soll für neun Morde an Menschen griechischer und türkischer Herkunft sowie an einer deutschen Polizistin verantwortlich sein, die zwischen 2000 und 2007 verübt wurden. Die Verdächtigen konnten jahrelang von den Sicherheitsbehörden unentdeckt agieren.

Merkel: Aufklärung hat Priorität

Die Bundeskanzlerin rief die Bürger eindringlich zu mehr Wachsamkeit gegenüber Rechtsextremismus auf: Intoleranz und Rassismus äußerten sich keinesfalls erst in Gewalt, sagte sie bei der Feier. "Aus Worten können Taten werden", mahnte Merkel. Der Kampf gegen Vorurteile, Verachtung und Ausgrenzung müsse täglich geführt werden.

Die Bundeskanzlerin sicherte ein entschlossenes Eintreten des Staates gegen Rechtsextremismus und Gewalt zu. "Wir tun alles, um die Morde aufzuklären und alle Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen", sagte sie an die Angehörigen gerichtet. Denn es gelte, alles zu tun, "damit sich so etwas nie wieder wiederholen kann". Erste Weichen für eine bessere Zusammenarbeit der Behörden würden bereits gestellt.

Zu einem Video der Rechtsextremisten, in dem diese die ermordeten Menschen verhöhnten und dabei Elemente der Zeichentrickserie "Paulchen Panther" verwendeten, sagte Merkel, etwas Menschenverachtenderes, Perfideres und Infameres habe sie in ihrer Arbeit noch nicht gesehen.

Es müsse auch nach den Ursachen für die Taten und die Situation der Täter geforscht werden, forderte die Bundeskanzlerin. Der Staat müsse eingestehen, dass er zum Teil scheitere. "Es ist ein schlimmer Zustand erreicht, wenn Neonazis junge Menschen mit Kameradschaftsabenden einfangen können, weil sich niemand sonst um sie kümmert."

(RTR, dpa, N24)

23.02.2012 12:59 Uhr

Chronik der NSU-Mordserie

öffnenschließenJanuar 1998: Bombenwerkstatt entdeckt In Jena (Thüringen) hebt die Polizei eine Bombenwerkstatt der Rechtsextremisten Uwe B., Uwe M. und Beate Z. aus. Das Labor war in einer Garage versteckt. Es werden Rohrbomben mit dem Sprengstoff TNT sichergestellt. Das Trio flieht.

öffnenschließen1999: 14 Banken ausgeraubt Unbekannte Täter beginnen eine Serie von mindestens 14 Banküberfällen in mehreren ostdeutschen Bundesländern. Später werden die Taten Uwe B. und Uwe M. zugeordnet.

öffnenschließen9. September 2000: Serie von Morden In Nürnberg wird ein türkischer Blumenhändler erschossen. Bis April 2006 folgen weitere Morde an sieben Türken und einem Griechen, immer mit derselben Waffe und nach dem gleichen Muster. Die Taten werden als sogenannte Döner-Morde bekannt. Die blutige Spur zieht sich quer durch Deutschland: Drei Morde ereignen sich in Nürnberg (2000, 2001, 2005), zwei in München (2001, 2005), jeweils ein Mord geschieht in Kassel (2006), Hamburg (2001), Rostock (2004) und Dortmund (2006).

öffnenschließen9. Juni 2004: Nagelbombenanschlag in Köln Bei einem Nagelbombenanschlag in Köln werden 22 Menschen verletzt. Die Täter zünden einen selbst gebauten Sprengsatz auf einem Fahrrad per Fernsteuerung. Der bislang ungeklärte Fall wird von den Ermittlern jetzt wieder aufgerollt. Laut «Spiegel» bekennen sich die Neonazis der nun im Fokus stehenden Gruppe in einer DVD zu dem Anschlag. Die Bundesanwaltschaft hat bislang aber keine «zureichenden Anhaltspunkte».

öffnenschließen2007 bis 2009: Ermittler jagen ein Phantom Gen-Spuren einer angeblichen «Frau ohne Gesicht» werden bei mehr als 35 Straftaten gefunden - darunter Morde und Einbrüche.

öffnenschließen25. April 2007: Polizistenmord in Heilbronn In Heilbronn wird eine aus Thüringen stammende 22 Jahre alte Polizistin erschossen. Ihr Kollege überlebt schwer verletzt. Am Dienstwagen wird die DNA-Spur einer Unbekannten sichergestellt.

öffnenschließen27. März 2009: Gen-Spuren waren eine Panne Die Staatsanwaltschaft Heilbronn gibt bekannt, dass die Gen-Spuren der «Frau ohne Gesicht» bereits beim Verpacken auf die Wattestäbchen der Ermittler gelangt sind.

öffnenschließen1. November 2011: Mord in Leipzig In Döbeln bei Leipzig wird ein Dönerbuden-Betreiber erschossen. Der Täter kann fliehen. Ob es eine Verbindung zu den früheren Döner-Morden gibt, ist unklar.

öffnenschließen4. November 2011: Uwe B. und Uwe M. sind tot Nach einem Banküberfall in Eisenach (Thüringen) werden Uwe B. und Uwe M. tot in ihrem ausgebrannten Wohnmobil in einem Vorort von Eisenach gefunden. In Zwickau (Sachsen) geht die Wohnung, in der die beiden mutmaßlichen Bankräuber mit Beate Z. gelebt hatten, ebenfalls in Flammen auf.

öffnenschließen7. November 2011: Verbindung zu Mord in Heilbronn Das Landeskriminalamt teilt mit, dass die Dienstpistolen der Heilbronner Polizistin und ihres Kollegen in dem ausgebrannten Wohnmobil entdeckt wurden.

öffnenschließen8. November 2011: Beate Z. stellt sich Beate Z. stellt sich der Polizei in Jena und wird festgenommen. Sie soll nach Polizeiangaben mehrere Alias-Namen benutzen.

öffnenschließen11. November 2011: Verbindungen zu "Döner-Mordserie" Die Bundesanwaltschaft gibt bekannt, dass sie Verbindungen zwischen dem Polizistenmord von Heilbronn und der sogenannten Döner-Mordserie sieht.

öffnenschließen13. November 2011: Mutmaßlicher Komplize wird gefasst Die Bundesanwaltschaft lässt einen mutmaßlichen Komplizen des Trios in Niedersachsen festnehmen. Er soll wie die anderen Mitglied der der terroristischen Vereinigung «Nationalsozialistischer Untergrund» (NSU) sein und dem Trio Ausweise zur Verfügung gestellt haben. Die Ermittler prüfen auch, ob er an den Morden unmittelbar beteiligt war.

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