"Bring uns ihre Köpfe"

Polens Medien schießen vor EM-Start scharf

Polens Trainer Leo Beenhakker ist Fan des deutschen Fußballs. Polnische Boulevardblätter eher nicht. Mit martialischen Schlagzeilen machen sie Stimmung gegen Löws Elf. Abgerechnet wird am Sonntag ...

Im beschaulichen Lager der polnischen Fußball-Nationalmannschaft war es vier Tage vor dem EM-Auftakt gegen Deutschland plötzlich vorbei mit der Ruhe vor dem Sturm. Nach den verbalen Attacken des Idols Zbigniew Boniek platzte Trainer Leo Beenhakker angesichts der geschmacklosen Angriffe polnischer Medien auf die DFB-Auswahl der Kragen: "Das ist Scheiße. Da sieht man, was für kranke Menschen es in dieser Welt gibt", polterte der Niederländer.

Beenhakker: "Distanziere mich"

Das Fass endgültig zum Überlaufen brachte am Mittwoch die polnische Tageszeitung Super Express. "Leo, bringt uns ihre Köpfe", forderte das auflagenstarke Boulevardblatt (370.000 Exemplare) und druckte dazu eine Fotomontage ab, auf der Beenhakker die abgeschlagenen Köpfe von Bundestrainer Joachim Löw und DFB-Mannschaftskapitän Michael Ballack in den Händen hält.

"Ich distanziere mich von diesen Fotomontagen und hoffe, dass es jetzt nur noch ums Sportliche geht", sagte der Nationaltrainer der Polen entrüstet. Vorgelegt beim Wettbewerb der Geschmacklosigkeiten vor dem brisanten Duell am Sonntag (20.45 Uhr/live im N24.de-Ticker) in Klagenfurt hatte Fakt, die auflagenstärkste Zeitung Polens (500.000 Exemplare). "Leo, wiederhole Grunwald!", verlangte das Blatt in Erinnerung an den polnisch-litauischen Sieg in der Schlacht gegen den Deutschen Orden im Jahre 1410. Auf dem Titel ist Ballack mit Pickelhaube und einer Robe des Deutschen Ordens zu sehen, Beenhakker schwingt ein Schwert, als wolle er Ballack köpfen. "Wir müssen gewinnen, wir müssen! Jetzt oder nie!", schrieb Fakt.

Krzynowek: "Provokationen normal"

Die deutsche Delegation reagierte gelassen auf die Angriffe. "Die Polen sind unsere Nachbarn und Freunde. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis. Das Spiel findet am 8. Juni auf dem Platz statt, alles andere passiert nur, weil alle auf diesen 8. Juni warten", sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger. Auch die harten Worte von Boniek ("Die polnischen Spieler sind 16-mal intelligenter als die deutschen") reizten Zwanziger nicht zu einer Reaktion. "Ich habe großen Respekt vor der polnischen Mannschaft. Über die Frage, wie intelligent ein Mensch oder Fußballer ist, möchte ich mich nicht unterhalten", sagte er.

Bonieks Aussage klingt im Vergleich zu den Attacken der polnischen Zeitungen ohnehin harmlos. Tatsächlich erinnern die Geschmacklosigkeiten an die Medien-Schlacht vor dem Halbfinale der EM 1996 zwischen Deutschland und Gastgeber England, als der Boulevard im Fußball-Mutterland die beiden Weltkriege mit dem Sport vermischte. "Derartige Provokationen sind vor so einem Turnier wohl normal", sagte Jacek Krzynowek vom VfL Wolfsburg.

Polen warten auf Erfolg gegen Deutschland

Die Sehnsucht der Polen nach dem ersten Sieg gegen Deutschland ist grenzenlos. Seit dem ersten Spiel beider Mannschaften am 3. Dezember 1933 in Berlin (1:0) warten die Osteuropäer auf einen Erfolg gegen das Nachbarland. In insgesamt 15 Partien gab es für die Polen elf Niederlagen, vier Partien endeten unentschieden. "Es wird wirklich mal Zeit, dass wir Deutschland schlagen", betonte zuletzt auch der ehemalige Schalker Bundesliga-Profi Tomasz Hajto, der bei der EM für das polnische Fernsehen arbeitet.

Während das Umfeld derzeit offensichtlich mit aller Macht am Feindbild Deutschland bastelt, ist Nationaltrainer Beenhakker milde gestimmt. "Es gibt in Holland nicht viele Fans des deutschen Fußballs, aber ich bin einer", erklärte der Niederländer. Allein sportlich erwartet der weißhaarige Trainerfuchs gegen Deutschland einen heißen Tanz: "Ich weiß, es wird eine unheimlich schwere Aufgabe, Deutschland zu schlagen. Aber ich kann auch garantieren, dass es eine unheimlich schwere Aufgabe wird, Polen zu schlagen. Wir sind auf einer Höhe."

Hoffen auf Revanche für Vorrundenniederlage bei der WM

In den Köpfen der polnischen Spieler schwirrt allerdings noch immer die bittere Vorrunden-Niederlage gegen Deutschland bei der WM 2006 in Dortmund (0:1) umher. Der ehemalige Bundesliga-Legionär Ebi Smolarek (Racing Santander) sinnt "auf Revanche", und Kapitän Maciej Zurawski vom griechischen Erstligisten AE Larissa meinte: "Mit Blick auf die Niederlage bei der WM 2006 bin ich froh, dass unser erstes Spiel gegen Deutschland ist. Ich hoffe aber auch, dass sie nicht so stark sind, wie allgemein erwartet wird."

(Marc Schmidt und Marco Mader, sid, N24)

04.06.2008 15:35 Uhr

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