„Elektroautos werden die künftigen Stromnetze stabilisieren“
Interview mit Gernot Spiegelberg, Teamleiter für Elektromobilität bei Siemens Corporate Technology
Herr Spiegelberg, eine Hochleistungsbatterie für Elektroautos kostet heute gut 10.000 Euro. Wie viele Elektrowagen – glauben Sie – könnten bei derartigen Preisen im Jahr 2020 in Deutschland fahren?
Gernot Spiegelberg: Ich sehe hier ein Potenzial von 4,5 Millionen Fahrzeugen, aber ob es realisiert wird, hängt von vielen Faktoren ab. 4,5 Millionen, das klingt viel, aber dies wäre nur die Hälfte der heutigen Zweitwagen in Deutschland, die auch am Wochenende nie mehr als 70 Kilometer pro Tag zurücklegen – das ist ideal für Elektroautos. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass die großen Autofirmen in diesem Bereich weltweit sehr aktiv sind, dass allerorten Allianzen mit Energieversorgern geschlossen werden und dass ganz neue Firmen das Feld betreten, etwa ein Batteriehersteller aus China, der demnächst ein sehr kostengünstiges und leistungsfähiges Elektroauto auf den Markt bringen will.
Und welche Rolle spielt Siemens bei der Elektromobilität?
Spiegelberg: Mit unseren Forschern und Kollegen der Sektoren Energy und Industry decken wir alle Facetten dieses Themas ab, von Fahrzeugtechnik über Energiemanagement, Leistungselektronik, Sensorik und flexiblen Verfahren der Stromabrechnung bis zur Gestaltung der Infrastruktur im Hintergrund, also der Stromnetze auf allen Ebenen. Bereits im Frühjahr 2009 haben wir mit der Firma Ruf den Greenster vorgestellt, einen rasanten Elektrosportwagen mit 270 kW Leistung. Weitere Demonstrationsfahrzeuge werden folgen, zum Beispiel solche, die mit einer Schnellladefunktion ihre Batterien nicht in Stunden, sondern in wenigen Minuten volltanken können.
Belastet dies nicht die Stromnetze enorm?
Spiegelberg: Auch dies untersuchen wir intensiv. Wenn in Parkhäusern – etwa bei einem Fußballspiel oder am Flughafen – 10.000 Fahrzeuge gleichzeitig am Netz hängen, beispielsweise mit 20 kW, entspricht dies einer Leistung von 200 Megawatt. Dies ist in der Tat schon ein mittleres Kraftwerk, für das man geeignete Trafos und Schaltanlagen benötigt. Aber auf der anderen Seite können Elektroautos auch einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, die Stromnetze der Zukunft stabiler zu machen.
Wie ist das zu verstehen?
Spiegelberg: Dies zeigt zum Beispiel das Projekt EDISON, an dem wir mit mehreren anderen Firmen in Dänemark zusammenarbeiten. Es wird sicherlich auch ein viel diskutiertes Thema auf der Klimakonferenz im Dezember in Kopenhagen sein. Der Hintergrund ist folgender: Dänemark hat heute bereits 20 Prozent Windstrom und will diesen Anteil bis 2025 auf 50 Prozent ausbauen. Auch wir in Deutschland wollen die regenerativen Energien wie Wind und Sonne weiter deutlich ausbauen. Doch dies sind stark fluktuierende Energiequellen. Wenn der Wind zu stark bläst, braucht man Zwischenspeicher für den Strom. Genau diese Speicheraufgabe könnten nun die Elektroautos leisten, die ja sowieso im Durchschnitt nur eine Stunde am Tag bewegt werden. 200.000 Fahrzeuge, die mit 40 kW am Netz hängen, könnten kurzfristig eine Leistung von acht Gigawatt zur Verfügung stellen – dies ist bereits mehr, als ganz Deutschland derzeit an Regelleistung benötigt, um Verbrauchsspitzen abzufedern.
Doch warum sollte ein Fahrzeugbesitzer seinen getankten Strom wieder abgeben?
Spiegelberg: Weil er damit Geld verdient und die teuren Batterien zum Teil refinanzieren kann. Er könnte zum Beispiel nachts billigen Strom laden und tagsüber, wenn die Nachfrage hoch ist und die Preise nach oben gehen, den Teil des nicht benötigten Stromes zu Spitzenpreisen wieder verkaufen.
Dafür müsste das Elektroauto aber die Fahrabsichten des Besitzers kennen – und mehr noch, es müsste selbstständig mit den Energieversorgern kommunizieren ...
Spiegelberg: Autos sind ja heute schon Computer auf Rädern, und dieser Trend wird sich deutlich verstärken – schon deshalb, weil die Fahrzeuglenker immer älter werden und sich dann gerne zur Unfallvermeidung oder für einen besseren Komfort auf elektronische Assistenzsysteme verlassen wollen. Die Fahrzeuge von morgen werden sich auch mit dem Outlook-Kalender ihres Besitzers synchronisieren. Und sie werden am Energiemarkt der Zukunft als Strommakler tätig sein, indem sie in ständigem Kontakt mit den Netzbetreibern stehen und eine Be- oder Entladung nur dann akzeptieren, wenn der Preis stimmt. Es ist nicht einmal ansatzweise absehbar, zu welchen völlig neuen Entwicklungen die Elektromobilität noch führen wird.



